Skip to main content

Full text of "Van de Velde"

See other formats


VAN  DE  VELDE 


DIE  NEUE  BAUKUNST 

MONOGRAPHIENREIHE 
BAND  I 


VAN  DE  VELDE 


19  2  0 


FOLKWANG-VERLAG'HAGENiW. 


AUG  3  1  1950 

310806 


Klischees  und  Druck  F.Bruckmann  A.G.,  München 


LEBEN  UND  SCHAFFEN 
DES  KÜNSTLERS 

VON  KARL  ERNST  OSTHAUS 


-:, 


Henry  van  de  Velde  von  GeorgKolbe 

Auftrage  des  Verfassers  für  die  Deutsche  Abteilung  der  Gen ter  Weltausstellung  1913  hergestellt 


HENRY  VAN  DE  VELDE  wurde  am  3.  April  1863  zu  Antwerpen  geboren.  Ant- 
werpen! Der  kühnste  Turm  der  Gotik  steigt  vor  uns  auf,  weitherrschend  über  die  braunen 
Fluten  der  Scheide  und  die  an  ihrem  Ufer  hingebreitete  Stadt.  Prangende  Bürgerhäuser 
reihen  sich  mit  dem  säulenreichen  Rathause  um  einen  Platz,  der  den  Glanz  Karls  V.  sah.  In  Kirchen 
und  Museen  aber  zeugen  die  Meisterwerke  der  Rubens,  Jordaens  und  van  Dyck  von  Tagen  noch 
stolzerer  Größe.   Welch  lockender  Schauplatz  für  eines  Künstlers  Jugendzeit! 

Aber  der  würde  sich  vergreifen,  wer  nach  beliebtem  Schema  der  Kunstgeschichte  van  de  Velde 
aus  seinem  Milieu  zu  erklären  unternähme.  Weder  Gotik  noch  Renaissance  noch  Barock  haben  auf 
seine  Entwicklung  eingewirkt.  Gerade  er  bildet  ein  Beispiel,  wie  ein  großer  Künstler  in  beinahe  feinde 
liebem  Gegensatz  zu  seiner  Umgebung  aufwachsen  kann.  Die  Banalitäten  seiner  modernen  Um= 
gebung  haben  ihn  mehr  abgestoßen,  als  die  Reste  einer  großen  Vergangenheit  ihn  zu  fesseln  vermochten. 
Zu  Rubens  und  Jordaens  fand  er  sich  erst  in  späteren  Jahren,  auf  dem  Wege  über  Delacroix  und 
Renoir.  In  der  Jugend  befremdete  ihn  ihre  pathetische  Geste.  Eher  lockte  ihn  Rembrandt,-  doch  waren 
diese  Eindrücke  zu  flüchtig,  um  als  Komponenten  seiner  Entwicklung  hier  verzeichnet  zu  werden. 

Sein  Vater  war  Chemiker  und  Apotheker,  im  Berufe  befangen  ,•  auch  seine  Mutter  und  acht 
Geschwister  nahmen  keinen  Einfluß  auf  ihn,  der  für  seine  spätere  Laufbahn  hätte  entscheidend  sein 
können.  Er  besuchte  das  Kgl.  Athenäum,  lernte  Latein  und  Griechisch  wie  jeder  normale  Schüler  und 
lebte  selbst  in  der  Vorstellung,  daß  er  später  einmal  als  Jurist  der  Gemeinschaft  dienen  würde.  Für 
diese  Berufsart  entschied  man  sich  im  Elternhause,  weil  ein  Bruder  der  Mutter,  Polydore  de  Paepe, 
als  berühmter  Jurist  am  Kassationshof  zu  Brüssel  amtierte  und  man  sich  von  ihm  eine  tatkräftige 
Förderung  des  Neffen  versprach. 

Doch  es  gab  einen  Ort  in  Antwerpen,  der  die  Leidenschaft  des  jungen  Henry  immer  aufs  neue 
entfachte.  Das  war  der  Hafen.  Hier  liefen  die  großen  Dampfer  aller  seefahrenden  Nationen  aus  und 
ein,  Inder  und  Chinesen  tauchten  auf,  und  Neger  mit  bunten  Papageien  mischten  sich  darein.  Man 
konnte  an  Bord  steigen  und  über  die  ungeheuren  Kolben  der  Schirfsmaschinen  staunen.  Am  Ufer 
aber  ratterten  die  Krähne  und  hoben  aus  den  gewaltigen  Leibern  der  Seeungetüme  die  Produkte  und 
Fabrikate  aller  Weltteile  ans  Licht.  Hier  verknüpften  sich  die  Gedanken  des  Knaben  mit  zwei  Ideen, 
die  für  sein  späteres  Schicksal  von  Bedeutung  werden  sollten,  mit  der  technischen  Schönheit  und  dem 
Internationalismus. 

Sein  Gefährte  auf  diesen  Streifzügen  war  der  spätere  Dichter  Max  Eiskamp,  mit  dem  ihn  eine 
herzliche  Freundschaft  dauernd  verband.  Der  Junge  hatte  Auge  und  Gefühl  für  die  versteckte  Poesie 
des  Volkslebens,  das  sich  im  Hafen  und  auf  den  Gassen  Antwerpens  so  vielgestaltig  und  ursprünglich 
entfaltete.  Henry,  der  des  Flämischen  mächtig  war,  mußte  dabei  oft  den  Vermittler  spielen.  Denn  die 
flämische  Sprache  war  damals  noch  nicht  wieder  zu  Ehren  gelangt,-  sie  galt  als  das  Idiom  der  Dome- 
stiken und  Gemüsekrämer,  und  Max  Eiskamp  beherrschte  sie  nicht.  Die  Sprache  der  Bildung  war 
das  Französische.  Auch  in  der  Familie  van  de  Velde  bediente  man  sich  nur  seiner  in  der  häus= 
liehen  Unterhaltung. 

So  versteht  es  sich  leicht,  daß  eine  der  frühen  Leidenschaften  des  jungen  Henry  die  für  französische 
Literatur  war.  Max  Eiskamp  war  darin  sein  Führer.  Sie  lasen  zusammen  Verlaine,  Rimbaud 
und  Mallarme. 

Ein  zweiter  starker  Eindruck  französischer  Kultur,  der  zugleich  seine  Neigung  zur  bildenden 
Kunst  begründete,  traf  ihn  in  einer  Ausstellung  französischer  Impressionisten,  die  gegen  Ende  seiner 
Schulzeit  in  Antwerpen  stattfand.  Manets  Barmädchen  war  darunter,  außerdem  sein  Bildnis  des 
Sängers  Faure  als  Hamlet,  das  jetzt  die  Hamburger  Kunsthalle  ziert.   Was  Memling,  Rubens, 

8 


i 


Jcrdaens  nicht  vermocht  hatten,  das 
vollbrachte  Manet.  Der  Künstler  in 
Henry  entdeckte  sich,  und  von  diesem 
Augenblick  an  schlug  der  Gedanke, 
der  Jurisprudenz  aufzukündigen, 
in  ihm  Wurzel. 

Die  Gelegenheit  dazu  ergab  sich 
kurz  nach  seiner  Reifeprüfung  wie  von 
selbst.  Sein  ältester  Bruder  war  mit 
einer  Italienerin  verehelicht.  Sie  war 
ungemein  schön  und  der  Abgott  der 
ganzen  Familie.  Ihr  plötzlicher  Tod 
rief  die  größte  Verwirrung  auch  im 
schwiegerelterlichen  Hause  hervor. 
Die  Kinder  lebten  in  dieser  Zeit  ohne 
Aufsicht  und  Leitung,  und  es  konnte 
wochenlang  unbemerkt  bleiben,  daß 
sich  Henry,  statt  zur  Universität  nach 
Gent  zu  gehen,  in  die  Akademie  der 
Künste  zu  Antwerpen  einschreiben 
ließ.  Als  diese  Eigenmächtigkeit 
seinen  Eltern  nach  Wochen  zum  Be= 
wußtsein  kam,  entschlossen  sie  sich 
unter  Vorbehalten  zur  Zustimmung. 

Henry  war  also  Kunstjünger. 


KW i 


MFWk 


wm 


vaxm&M 


Des  Künstlers  Eigenhaus  in  Uccle  <1895> 


Er  harrte  drei  Jahre  an  der  Akademie  aus.  Nach  Erledigung  der  üblichen  Zeichen^  und  Malkurse 
trat  er  in  das  Privatatelier  des  damaligen  Direktors  Charles  Verlaet  ein.  Dieser  spielte  in  Antwerpen 
eine  revolutionäre  Rolle.  Er  stellte  den  in  der  »Antwerpener  Sauce«  gemalten  Bildern  seiner  Kollegen 
Studien  aus  dem  Orient  gegenüber,  die  in  der  reineren  Farbigkeit  und  größeren  Lichtfülle  einen  ent- 
schiedenen Fortschritt  anzeigten.  Einmal  auf  diesen  Weg  gedrängt,  lag  es  nahe,  daß  der  junge  Maler 
nach  dem  Mittelpunkt  aller  Lichtmalerei,  nach  Paris,  strebte.  Er  siedelte  1884  dorthin  über.  Seine 
Empfehlungen  wiesen  ihn  an  Bastien  Lepage,  den  Begründer  des  Pleinair.  Aber  Bastien  Lepage  war 
damals  schon  krank  und  konnte  junge  Schüler  nicht  mehr  annehmen.  So  kamVelde  zu  CarolusDuran- 
Dieser  stand  damals  auf  der  Höhe  seines  Ruhmes.  Er  porträtierte  Amerikanerinnen  für20-25000Fran= 
ken  und  lebte  wie  ein  Fürst.  Aber  das  Glück  trübte  ihm  nicht  den  Blick.  Neidlos  erkannte  er  in  Manet 
den  Führer  zu  neuen  Zielen,  und  er  wurde  nicht  müde,  seine  Schüler  immer  wieder  auf  ihn  hinzuweisen. 
Velde  blieb  ein  Jahr  bei  ihm  und  entschloß  sich  dann,  seinem  Rate  folgend,  allein  und  in  der  Stille  zu 
arbeiten.  Das  klassische  Barbizon,  durch  Corots  und  Millets  Wirken  geweiht,  zog  ihn  an.  Die  Land= 
schaffen  aber,  die  dort  entstanden  und  die  seinem  Bildungsgange  entsprochen  haben  müssen,  hat  er 
später,  als  er  zum  Neoimpressionismus  übertrat,  sämtlich  vernichtet. 

Nach  Hause  zurückgekehrt,  mochte  er  auf  die  Ruhe  des  Landlebens  nicht  verzichten.  Er  hielt 
sich  darum  zunächst  in  der  Heide  von  Calmphout,  nahe  der  holländischen  Grenze,  auf.  In  diese  Zeit 
<1886>  fällt  die  Gründung  der  Antwerpener  Künstlervereinigung  »Als  ick  kan«,  an  der  er  teilnahm. 
Eines  ihrer  Mitglieder,  der  Holländer  Luyten,  hat  diesen  Kreis  in  einem  Bilde  verewigt,  das  heute 


dem  Antwerpener  Museum  gehört.  In  ihm  ist  uns  die  früheste  künstlerische  Interpretation  van  de  Veldes 
erhalten.  Die  Gruppe  mag  zehn  bis  zwölf  Jahre  bestanden  haben. 

Inzwischen  aber  hatte  sich  in  WecheUder-Sande,  ebenfalls  unweit  der  holländischen  Grenze,  eine 
Kolonie  von  Malern  angesiedelt,  die  das  Neuland  der  Lichtmalerei  suchten,  unter  ihnen  Heymans, 
Rosseeis  und  Crabeels.  Sie  galten  als  Hauptvertreter  des  belgischen  Luminismus,  der  abseits  vom 
französischen  Impressionismus  eigene  Wege  suchte.  An  sie  schloß  Velde  sich  an.  Zugleich  aber  knüpfte 
er  Beziehungen  nach  Brüssel  an.  Dort  entfaltete  sich  soeben  unter  Führung  der  »Vingt«  einer  der 
glänzendsten  Absdinitte  des  belgischen  Kunstlebens.  Unter  den  »Zwanzig«  waren  Männer,  die  als= 
bald  Europa  mit  dem  Klang  ihres  Namens  erfüllen  sollten.  Wir  nennen:  James  Ensor,  Fernand 
Khnopf,  Vogels,  Theo  van  Rysselberghe,  Felicien  Rops,  Willy  Schlobach,  Henry  de  Groux,  Lemmen, 
Finch,  Jan  Toorop  und  die  Bildhauer  Paul  Dubois,  George  Minne  und  Rodin.  Sie  veranstalteten 
jedes  Jahr  glänzende  Ausstellungen,  zu  denen  jeweils  auch  zwanzig  ausländische  Künstler  zugezogen 
wurden.  Nach  Deutschland  erging  der  Ruf  an  Liebermann,  Max  Klinger  und  Kurt  Herrmann,  von 
Frankreich  wurden  neben  vielen  anderen  Cezanne,  Renoir,  Gauguin,  Denis,  Seurat  und  Signac  zum 
ersten  Male  gezeigt.  Seurat  stellte  »La  grande  jatte«  aus.  Diese  Bilder  erregten  in  der  Brüsseler 
Kunstwelt  den  in  solchen  Fällen  üblichen  Sturm  der  Entrüstung,  aber  sie  hatten  die  Wirkung,  daß 
mit  Finch  und  van  Rysselberghe  auch  van  de  Velde  zum  Neoimpressionismus  übertrat.  (Bilder  bei 
Heymann,  Eiskamp  und  beim  Künstler  selbst.) 

Indessen  bereitete  sich  bei  dem  Künstler  ein  physischer  Zusammenbruch  vor,  dessen  Ursache  in 
Überarbeitung  und  Unterernährung  zu  suchen  war.  Es  kam  hinzu,  daß  seine  Mutter,  auf  den  Tod 
krank,  zu  ihm  nach  WecheUder=Sande  kam,  um  in  der  Pflege  des  Sohnes  ihre  Tage  auf  dem  Lande 
zu  beschließen.  Henry  pflegte  die  Mutter  mit  Aufopferung,-  sie  starb  ihm  unter  den  Händen  in  einem 
Dorfe  bei  Antwerpen,  wohin  er  sie  überführt  hatte  <1889>.  Nach  ihrem  Tode  brach  er  selbst  voll= 
ständig  zusammen.  Zu  seiner  Genesung  begab  er  sich  wieder  nach  Calmphout,  wo  seine  um  vier 
Jahre  ältere  Schwester  ein  Sommerhaus  besaß.  Hier  fristete  er  bis  zum  Herbst  1893  ein  ziemlich 
kümmerliches  Dasein.  Heftige  Schmerzen,  vom  Genick  ausstrahlend,  erschütterten  seinen  Körper,- 
mit  Mühe  schleppte  er  sich,  von  seinen  Pflegern  gestützt,  im  Garten  von  Bank  zu  Bank.  Aber  der 
Kopf  blieb  klar.  Es  gelangen  ihm  sogar  noch  zwei  Bilder  (bei  Velde  und  Thorn-Prikker),-  doch  malte 
er  sie  ohne  das  Gefühl  einer  inneren  Notwendigkeit.  Denn  neue  Ideen  hatten  von  ihm  Besitz  ergriffen, 
und  die  Stunde  war  nahe,  da  das  Haupt  des  Siechen  ein  neues  Zeitalter  der  Kunst  gebären  sollte. 
Schon  lange  hatte  ihn  die  Frage  nach  der  tieferen  Berechtigung  des  Bildermalens  gequält.  Malen 
entsprach  zwar  seiner  Neigung,  aber  konnte  Befriedigung  einer  Neigung  Ziel  und  Zweck  des  Lebens 
sein?  Sein  Geist  grub  tiefer.  Er  fragte  nach  dem  Sinn  des  Lebens  überhaupt.  Um  jene  Zeit  begann 
der  Sozialismus  die  wachen  Geister  in  Belgien  zu  beschäftigen.  Velde  packte  das  Problem,-  er  las 
Kropotkin,  Stirner,  Tolstoi,  Carpenter,  Nietzsche.  Immer  deutlicher  empfand  er  die  Verantwortung, 
von  seinen  Kräften  den  besten  Gebrauch  zum  Wohle  der  Menschheit  zu  machen.  Aber  was  war 
der  beste  Gebrauch? 

Die  schwache  Seite  des  Sozialismus  war  es  von  jeher,  daß  die  hochwertigen  Kräfte  des  Einzelnen 
bei  ihm  keine  Rolle  spielten.  Doch  brachte  Nietzsche  gerade  diese  Kräfte  in  der  Seele  des  Künstlers  stark 
zum  Bewußtsein.  Das  erlösende  Wort  sprach  Finch,  indem  er  seine  Aufmerksamkeit  auf  William  Morris 
lenkte.  Morris,  der  Schüler  jenes  Ruskin,  der  sich  lange  Fahrten  von  der  Postkutsche  schütteln  ließ, 
um  dem  Teufelswerk  der  Eisenbahn  nicht  seinen  Tribut  zu  zahlen,  wollte  der  Häßlichkeit  des  modernen 
Lebens  durch  eine  Erweckung  des  Mittelalters  begegnen.  In  dem  edlen  Bestreben,  die  mechanisch 
gewordene  Arbeit  wieder  zu  durchgeistigen,  den  Arbeiter  durch  die  Kunst  zur  Menschenwürde 

10 


zurückzuführen,  verfemte  er  die 
Maschine  und  predigte  und  übte  das 
der  menschlichen  Seele  nähere  Hand= 
werk.  Seine  Gedanken  zur  Versitt> 
lichung  der  Arbeit  werden  immer  un= 
vergessen  bleiben,  wie  denn  auch 
seine  Werke  eines  ehrenvollenPlatzes 
in  der  Geschichte  der  Künste  sicher 
sind.  Das  Wirken  dieses  ungewohnt 
liehen  Mannes  wirkte  auf  Velde  wie 
eine  Offenbarung.  Und  zwar  war  der 
Rindruck  ein  zwiefacher.  Daß  ein 
Mensch  sich  der  Häßlichkeit  des  mo- 
dernen Lebens  entgegenwarf,  indem 
er  selbst  Hand  an  seine  Erscheinung 
zu  legen  wagte, erlöste  ihn  von  seinen 
Zweifeln  an  der  bildenden  Kunst.  Kr 
sah  jetzt  seinen  Weg  vor  sich:  Die 
bildende  Kunst  mußte  angewandte 
Kunst  werden,  angewandt  auf  das 
Leben,  aus  dem  ihr  Geist  entflohen 
war.  Lind  die  Arbeit  an  der  Schön= 
heit  mußte  den  Menschen  den  ver= 
lorenen  Adel  zurückgewinnen.  So 
öffnete  sich  ihm  der  Blick  auf  eine 
Zukunft,  die  in  neuem  lockenden 
Lichte  lag. 

Aber    seine    Gedanken    griffen 


Des  Künstlers  Eigenhaus  in  Llccle 


bald  über  Morris  hinaus.  War  dieser  nicht  der  Exponent  einer  reichen,  gesättigten  Kultur,  für  die 
es  ökonomische  Klippen  nicht  gab?  Mußten  nicht  Morris  vornehme  Instinkte  an  den  Volkswirtschaft« 
liehen  Tatsachen  auf  dem  Kontinente  zerschellen?  Dort,  wo  nur  die  Maschine  die  Ernährung  über« 
völkerter  Staaten  gewährleistete?  War  es  denkbar,  dieses  Mittel  der  modernen  Massenerzeugung 
aus  der  Arbeit  auszuschalten? 

Aber  war  denn  wirklich  die  Maschine,  dieses  Produkt  des  Menschengeistes,  schuld  an  allen  Greueln, 
die  uns  umgaben?  War  es  nicht  vielmehr  ihre  geistlose  Anwendung?  Und  sollte  es  nicht  möglich  sein, 
auch  ihren  Erzeugnissen  das  Gepräge  der  Schönheit  zu  geben?  Die  Welt  von  der  Häßlichkeit  zu 
erlösen,  ohne  die  Entwicklung  zu  verneinen?  Velde  begann,  in  der  Maschine  selbst  eine  neue  Schöne 
heit  zu  sehen.  Hatten  ihm  nicht  die  Schiffe  im  Antwerpener  Hafen  und  ihre  Maschinen  den  stärksten 
Eindruck  seiner  Kindheit  gegeben?  Jetzt  begann  er,  sie  mit  der  geschnörkelten  Schönheit  dessen  zu 
vergleichen,  was  die  Menschheit  Kunst  nannte.  Mit  jenen  Fassaden  voller  Säulen  und  Voluten,  die 
straffe  Eisenkonstruktionen  verkleideten.  Mit  jenen  Möbeln  voller  bombastischem  Zierat,  die  eine 
moderne  Wohnung  zum  Abriß  einer  ganzen  Stilentwicklung  machten.  Alles  das  hatte  ihn  kalt  gelassen, 
die  Maschine  hatte  ihn  mächtig  angezogen.  Worin  lag  diese  geheimnisvolle  Macht?  War  es  nicht  die 
Vernunft,  die  in  ihr  waltete,  die  alle  Teile  zu  einem  zweckvollen  Tun  auf  das  Genaueste  zusammen^ 


11 


stimmte?  Und  war  es  nicht  ein  großer 
Gedanke,  von  diesem  Punkte  aus  die 
ganze  Welt  zu  erneuen?  Ihr  einen  Stil 
zugeben,der  auf  Vernunft,auf  Zwecke 
mäßigkeit  begründet  war? 

Er  sah  sich  bestätigt  durch  die 
Beobachtung,  daß  am  Ende  auch  jeder 
frühere  Stil  auf  Zweckmäßigkeit  sich 
gründete.  Nur  mußte  man  ihn  an  der 
Quelle  studieren.  Wo  gab  es  eine 
genauere  Logik  als  in  der  Gotik?  Nur 
unsere  Anwendung  ihrer  für  ganz 
andere  Zwecke  erdachten  Formen  war 
absurd.  Wo  der  Mensch  absichtslos 
schuf,  leitete  immer  Vernunft  seine 
Hand.  Nur  in  der  Renaissance  glaubte 
er  sie  zu  vermissen,  diese  schien  ihm 
darum  ein  »frevelhaftes  Spiel  des  Le= 
bens  mit  dem  Tode«. 

Übrigens  war  es  nicht  die  Ma= 
schine  allein,  aus  der  die  neue  Zeit  zu 
ihm  sprach.  Im  Schnitt  des  modernen 
Anzugs,  im  elastischen  Schwung  des 
Mädchens  beim  Tennisspiel  glaubte 
er  dieselbe  Linie  zu  erkennen,  die 
jener  ihre  Schönheit  gab.  Es  gab  also 
einen  Neuen  Stil,-  man  mußte  ihn  nur 
erkennen,  ihn  befreien  von  dem  ab= 
gelebten  Tand  aus  Großväterzeiten, 
mit  dem  er  sich,  seiner  selbst  nicht 
achtend,  behing.  So  reifte  im  Hirn  des 
Kranken  von  Calmphout  ein  neues 
Zeitalter  heran,  und  mit  dem  Denken  genas  auch  der  Kranke  selbst.  In  einen  Vortrag  »Deblaiement 
d'art«  faßte  er  die  grundlegenden  Ideen  zusammen.  Er  hielt  ihn  in  der  Libre  Estetique  zu  Brüssel,  die 
nach  Auflösung  der  » Vingt«  deren  Bestrebungen  unter  dem  Sekretariat  von  Octave  Maus  fortsetzte. 
In  großen  Zügen  wies  er  auf  alles  hin,  was  in  England  und  Frankreich  auf  dem  neuen  Wege  schon 
erreicht  war,  und  pries  als  das  Land  der  Zukunft,  das  die  Erfüllung  bringen  müsse  —  Amerika. 

Zugleich  aber  begann  er,  als  Künstler  die  neuen  Grundsätze  in  die  Tat  umzusetzen.  Es  entstand 
sein  erstes  handgearbeitetes  Werk,  ein  Wandbehang  mit  der  Anbetung  des  Kindes,  das  von  Engeln 
in  roten  Gewändern  umgeben  war.  Die  Libre  Estetique  machte  es  1893  in  ihrer  Ausstellung  den 
Zeitgenossen  bekannt. 

In  diese  Zeit  fällt  ein  Ereignis,  das  für  sein  ferneres  Lebensschicksal  von  Bedeutung  werden  sollte. 
Er  lernte  im  Kreise  der  Zwanzig  Maria  Sethe,  seine  spätere  Gattin,  kennen.  Von  ihrem  Vater,  der 
holländischer  Filzfabrikant  war,  hatte  sie  die  rassig=b!onde  niederdeutsche  Art,-  ihre  Mutter  war 


Aus  dem  Hause  des  Künstlers  in  Uccle 


12 


Deutsche  aus  Wiesbaden.  Sie  war 
in  Paris  geboren,  doch  hatte  der  Vater 
seine  dortige  Fabrik  unter  dem  Druck 
der  Niederlage  von  1871  nach  Llccle 
bei  Brüssel  verlegen  müssen.  Dort 
war  sie  aufgewachsen.  Velde  lernte 
sie  als  Schülerin  Theos  van  RysseU 
berghe  kennen.  Ihre  Sdiwester  heira^ 
tete  damals  den  Bildhauer  Paul  Du= 
bois.  So  verknüpften  sie  mancherlei 
Fäden  mit  der  jungen  Kunst.  Aber 
auch  in  seiner  Schwiegermutter  fand 
Velde  eine  verständnisvolle  Freun= 
diu.  Sie  drang  nach  dem  Tode  ihres 
Gatten  <1893>  eifrig  auf  die  Heirat 
der  Verlobten,  obgleich  Velde  selbst, 
ohne  feste  Stellung,  Bedenken  da= 
gegen  hatte.  Im  April  1894  fand  die 
Hochzeit  statt. 

Seine  Bemühungen,  sidi  dauernd 
Einnahmen  zu  sichern,  hatten  zu= 
nächst  nur  die  Erlaubnis  zur  Folge, 
an  der  Akademie  zu  Antwerpen 
Vorlesungen  über  die  Renaissance 
im  Kunstgewerbe  zu  halten.  Sein 
Ziel  war  dabei  die  Gründung  einer 
Kunstgewerbeschule.     Aber    dazu 


war  die  Zeit  noch  nicht  reif.    Von 


Aus  dem  Hause  des  Künstlers  in  LIcele 

dieser  akademischen  Tätigkeit  ist  uns 

nur  noch  die  Eröffnungsrede  in  den  „Laienpredigten",  seiner  späteren  Aufsatzsammlung,  erhalten. 
Inzwischen  entstanden  aber  weitere  Inkunabeln  seiner  kunstgewerblichen  Tätigkeit.  Für  drei  Gedidit= 
Sammlungen  von  Max  Eiskamp  entwarf  er  Budischmuck,  für  die  Maison  du  peuple  ein  Konzert= 
programm,  daneben  eine  Folge  von  Tapetenmustern.  Vor  allem  aber  regte  ihn  sein  werdender  Haus= 
stand  zur  Herstellung  eigener  Möbel  an.  Es  war  ihm  unmöglich  geworden,  von  Gegenständen  um= 
geben  zu  sein,  die  ihren  Sinn  und  Zweck  nicht  zum  Ausdruck  brachten.  Er  hatte  sich,  vielleicht  nach 
dem  Vorbild  der  Maschine,  gewöhnt,  bei  jedem  Erzeugnis  menschlicher  Hand  nach  dem  inneren  Zu= 
sammenhang,  nach  seiner  Struktur  zu  fragen.  So  kam  es,  daß  seine  ersten  Stühle  das  Gepräge  ge- 
stalteter Konstruktion  annahmen.  Mit  späteren  verglichen  erscheinen  sie:  skeletthaft,-  das  weiche 
Fleisch  der  Polsterung  umgreift  noch  nicht  mildernd  den  sperrigen  Bau  des  Gerüstes.  Aber  sie  sind 
darum  nicht  Konstruktion  schlechthin,  der  feine  Sinn  des  Künstlers  für  Maß  und  Form  hat  sich  audi 
bei  den  ersten  tastenden  Versuchen  nicht  verleugnet.  In  der  Ornamentik  dieser  Tage  empfinden  wir 
schon  jenes  Gleichgewicht  des  Lineaments,  das  später  die  Idee  der  Komplementärlinie  eingeben  sollte. 
Bewußt  wurde  schon  das  Gegenspiel  von  Form  und  Gegenform  gehandhabt,  jenes  Prinzip,  das  die 
Mustergestaltung  der  kommenden  Jahre  entscheidend  beeinflussen  sollte. 


13 


Speisezimmer  im  Hause  des  Künstlers  zu  Llccle 

Frau  Sethe,  durch  die  Ergebnisse  dieser  Tätigkeit  in  ihrem  Vertrauen  bestärkt,  faßte  nunmehr 
den  Entschluß,  ihrem  Schwiegersohn  die  Mittel  zu  einem  eigenen  Hause  zur  Verfügung  zu  stellen. 
Sie  hatte  sein  Schaffen  genau  verfolgen  können,  da  die  jungen  Eheleute  das  erste  Jahr  ihrer  Ehe  im 
Elternhause  zu  Llccle  verbrachten.  Dort  stellte  sie  nun  auch  einen  Bauplatz  zur  Verfügung.  Es  stand 
von  vornherein  fest,  daß  Velde,  obwohl  nie  mit  Bauarbeiten  befaßt,  das  Bauprojekt  selbst  entwerfen 
sollte.  Die  wohl  von  Morris  übernommene  Idee  des  Eigenhauses  spielte  dabei  mit.  Es  kam  Velde 
während  der  Arbeit  noch  nicht  in  den  Sinn,  daß  er  aus  der  Tätigkeit  des  Bauens  später  einmal  einen 
Beruf  machen  sollte.  Nur  der  Wunsch,  sich  sein  Haus  zu  schaffen,  seine  Umgebung  zum  Gegenbild 
seines  Wesens  zu  machen,  mit  ihr  verwoben  zu  sein  wie  mit  einem  Teile  seiner  selbst  —  dieser  Wunsch 
führte  ihm  die  Hand.  Die  technischen  Fragen  beriet  er  mit  seinem  Unternehmer.  Sein  Respekt  vor  der 
Konstruktion  ließ  es  nicht  zu  Konflikten  kommen.  Im  übrigen  begann  er  die  Arbeit  ohne  jede  Theorie 
des  Entwerfens.  Er  prüfte  die  Bedürfnisse  und  stellte  die  Bewegungslinien  fest.  Fenster  und  Türen 
trug  er  nach  den  gleichen  Grundsätzen  ein.  Erst  dann  kontrollierte  sein  Maßempfinden  das  Gefüge 
der  Räume.  Es  ergaben  sich  hier  keine  Widersprüche,-  vielmehr  überraschte  ihn  jene  prästabilierte  Har= 
monie  zwischen  Form  und  Gehalt,  die  jeden  ernsthaft  schaffenden  Künstler  zum  Gläubigen  macht. 
So  erlebte  er  in  der  Arbeit  selbst  die  Idee  des  Organischen,-  er  erkannte  darin  das  Urgesetz  aller  Kunst 
und  legte  es  dem  Begriff  des  neuen  Stils,  für  den  er  wirken  wollte,  zugrunde. 

Tatsächlich  erscheint  das  Haus  wie  gewachsen.  Die  Räume  atmen  Ruhe  und  Harmonie,  das  Äußere 
ist  von  überzeugender  Schlichtheit.  Die  Struktur  ist  leise  betont,-  doch  findet  man  so  wenig  unorga= 
nische  Zutaten  wie  an  einem  schönen  Körper,  dessen  Glieder  und  Organe  der  vollendete  Ausdruck 
inneren  Lebens  sind.  Einem  Betrachter  unserer  Tage  wird  es  kaum  als  Seltsamkeit  auffallen.  Wie 

14 


Ruheraum  zu  Dresden  (1897) 
(unvollendet  aufgenommen) 

es  aber  auf  jene  Zeit  wirkte,  der  Unnatur  zum  Lebenselement  geworden  war,  lehrten  täglich  Leichen^ 
züge,  die  dem  nahen  Kirchhof  zustrebten  und  sich  unter  seinem  Rindruck  aus  einem  Trauergefolge 
alsbald  in  einen  munter  scherzenden  Spötterzug  verwandelten. 

Rine  nicht  geringe  Ursache  des  Aufsehens,  das  dieses  Haus  machte,  lag  vielleicht  in  der  feinen, 
auf  Gelb  und  Grau  gestimmten  Parbengebung.  Man  kann  sich  heute  kaum  noch  eine  Vorstellung 
von  der  Verwilderung  machen,  die  in  den  Parben  der  Architektur  damals  eingerissen  war.  Rin  Haus, 
dessen  Parben  überlegt  waren,  wirkte  auf  die  Menge  wie  ein  Paradiesvogel  auf  Krähen.  Dabei 
waren  die  Farben,  die  Velde  gewählt  hatte,  keineswegs  bunt  oder  unangemessen.  Rr  verfolgte  schon 
damals  den  Grundsatz,  von  der  Urfarbe  seiner  Materiale  auszugehen  und  sich  bei  allen  Zutaten  auf 
Zusammenstimmung  zu  beschränken.  Aber  sdion  der  Umstand,  daß  er  Holz  nidit  mit  Maserung 
bemalen  sondern  einfarbig  streichen  ließ,  wirkte  revolutionär.  Der  Gedanke  vollends,  die  Gesetze 
der  Harmonie  auf  ein  Bauganzes  anzuwenden  wie  auf  ein  Bild,  ließ  die  Zeitgenossen  in  Lach= 
krämpfen  erbeben. 

Das  Haus  war  1896  vollendet.  In  die  Bauzeit  fallen  einige  hundert  Entwürfe,  die  Reform^ 
bewegungen  auch  auf  anderen  Gebieten  in  Fluß  bringen  sollten.  Vor  allem  die  Kleiderentwürfe  für 
seine  Gattin,  mit  denen  der  Kampf  um  das  moderne  Prauenkleid  erst  eigentlich  begann  oder,  besser 
gesagt,  mit  denen  er  vom  hygienischen  auf  das  ästhetische  Gebiet  hinübergespielt  wurde.  Denn  der 

15 


Laden  der  Habana=Compagnie 

in  der  Mohrenstraße  zu  Berlin 

Wunsch,  die  Frauentracht  vom  französischen  Schnürleib  zu  erlösen,  hatte  längst  eingesetzt,  besonders 
in  Deutschland,  wo  das  „Reformkleid"  den  nationalen  Geschmack  leider  hoffnungslos  kompromittierte. 
Hilfe  hätte  von  Dänemark  kommen  können,  wo  der  Schnürleib  längst  überwunden  war,  vielleicht 
niemals  recht  geherrscht  hatte.  Aber  dieser  Weg  wurde  nicht  gefunden.  Friedrich  Deneken,  der  ver= 
dienstvolle  Leiter  des  Krefelder  Museums,  war  es,  der  1895  van  de  Velde  zu  einem  Vortrag  nach 
Krefeld  rief  und  damit  die  Bewegung  für  Deutschland  einleitete.  Er  veranlaßte  zugleich,  daß  der 
Künstler  von  der  Seidenfirma  Deuss  ^SD  Oetker  mit  dem  Entwurf  einiger  Brokatmuster  betraut  wurde 
und  gab  damit  das  erste  Beispiel  einer  Verknüpfung  der  Großindustrie  mit  der  neuen  Kunstbewegung. 
Auch  in  Brüssel  zogen  die  neuen  Gedanken  langsam  Kreise.  Als  kühner  stilistischer  Neuerer 
war  Serrurier^Bovy  aus  Lüttich  van  de  Velde  schon  vorausgegangen.  Aber  seine  phantastisch 
geschwungenen  Möbelformen  entbehrten  der  inneren  Notwendigkeit  und  müssen  dem  Münchener 
Jugendstil  gleichgeachtet  werden,  der  Bewegung  um  jeden  Preis  erstrebte.  Mehr  versprach  der  junge 
Hankart,  der  mit  Velde  gleichzeitig  auftrat,-  doch  wurden  die  auf  ihn  gesetzten  Hoffnungen  durch  einen 
frühen  Tod  enttäuscht.  Der  große  Vollender  des  belgischen  Stils  dagegen,  Horta,  besuchte  van  de  Velde 
im  Hause  seiner  Schwiegermutter  und  zog  ihn  bei  der  Tapetenwahl  seines  Hauses  Tassel  in  der 
Turiner  Straat  zu  Rate.  Dem  Bedürfnis  weiterer  Kreise  entsprach  der  Künstler  durch  einen  Vortrag 
im  Volkshause  über  William  Morris,  der  später  in  den  Laienpredigten  Abdruck  fand.  Zur  vollen 
Entwicklung  aber  konnte  eine  Bewegung  von  solcher  Spannkraft  im  kleinen  Belgien  nicht  gelangen,- 

16 


Arbeitszimmer 

dazu  war  ein  weiteres  Feld  nötig,  und  wir  werden  im  folgenden  sehen,  wie  der  belgische  Keim  auf 
deutschem  Boden  allmählich  zum  Baume  erwuchs,  der  Kuropa  unter  sich  nahm. 

Allen,  die  das  Pariser  Kunstleben  um  1900  unter  Augen  hielten,  wird  die  kleine  Gestalt  des 
jüdischen  Kunsthändlers  J.Bing  als  eine  seiner  charaktervollsten  Erscheinungen  unvergessen  sein. 
Bing  war  Hamburger,  also  zum  Kosmopoliten  vorausbestimmt.  Auf  einer  Weltreise  hatte  er  das 
japanische  Kunstgewerbe  entdeckt,  und  als  er  sich  wenig  später  in  Paris  niederließ,  wurde  sein  Magazin 
für  alle  Japansammler  zur  ergiebigsten  Fundgrube  und  er  selbst  zum  Orakel.  Seine  Wohnung  in  der 
rue  de  Lisbonne,  in  der  die  Schränke  voller  Goldlackkästen  sich  selbst  erhellten,  wenn  man  ihre  Türen 
öffnete,  war  einer  der  vornehmsten  Treffpunkte  der  Kunstwelt.  Allerdings  pflegte  die  Ehre,  hier  aus 
und  ein  zu  gehen,  kostspielig  zu  sein.  Denn  Bing  war  der  Prototyp  jener  Händler,  die  Preise 
ohne  anderen  Maßstab  aus  der  Seelenverfassung  des  Kunden  abzuleiten  pflegen.  Sein  scharf= 
geschnittener  Kopf  mit  der  Hakennase  und  den  stilvollen  weißen  Haarwellen  gelangte  besonders  auf 
Auktionen  zur  Geltung,  wenn  er  als  Expert  die  Augen  in  die  Züge  jedes  Bieters  bohrte,  um  die 
Grenzen  seiner  Leidenschaft  oder  Leistungsfähigkeit  zu  ergründen. 

Dieser  Mann  nun,  der  ein  Genie  gewesen  wäre,  wenn  Intelligenz,  Geschmack  und  Großzügige 
keit  genügten,  ein  Genie  zu  bilden,  hatte  kaum  die  erste  Witterung  der  neuen  Bewegung  verspürt, 
als  er  sich  entschloß,  sie  zu  merkantilisieren.  Meyer- Gräfe  wurde  sein  Reise  =  Marschall  durch 
Europa,  und  nachdem  er  sich  in  Deutsdiland  die  Gläser  von  Köpping,  in  England  die  Leuchter  von 

17 


Benson  notiert  hatte,  kamen 
beide  nach  Uccle.  Bing  war 
höchst  überrascht,  hier  zum 
ersten  Male  ein  Haus  zu  fin- 
den, das  vom  Grundriß  bis  zu 
den  Türklinken  und  Bestecken 
auf  dem  Tisch  von  einer  Emp» 
findung  durchgebildet  war. 
Der  Eindruck  war  stark  ge- 
nug, ihn  zu  einer  großzügigen 
Aktion  zu  bestimmen.  Er  ließ 
durch  den  Architekten  Bon= 
nier  in  der  rue  de  Provence 
jenes  berühmt  gewordene 
Haus  herrichten,  das  unter  dem 
Namen  TArt  nouveau  für  eine 
Reihe  von  Jahren  der  MitteU 
punkt  des  modernen  Künste 
lebens  werden  sollte.  Hier  fand 
man  die  vortrefflichen  Er- 
zeugnisse der  französischen 
Töpfer  Bigot,  Delaherche, 
Dalpeyras  =  Lesbros,  Dam= 
mouse,  hier  die  geschnittenen 
Gläser  und  eingelegten  Möbel 
der  Nanziger  Galle  und  Ma=> 
jorelle,  hier  Gemälde  von 
Denis  und  Vuillard,  die  einen 
Einklang  mit  dem  modernen 
Interieur  suchten.  Bing  ließ  van  de  Velde  vier  Räume  einrichten  und  rückte  ihn  damit  in  den  Mittelpunkt 
seines  Unternehmens.  Es  waren  eine  Rotunde  mit  Eresken  von  Besnard,  ein  Speisezimmer  aus  Zedern- 
holz mit  Kupfereinlagen  und  Wanddekorationen  des  früh  verstorbenen  Ranson,  ein  Rauchzimmer 
mit  Glasmosaiken  von  Lemmen  und  das  Kabinett  eines  Kunstfreundes  mit  Mappenschrank  und 
neoimpressionistischen  Bildern.  Man  sieht,  daß  die  Neubelebung  handwerklicher  Übungen  und  die 
organische  Verbindung  der  Malerei  mit  dem  Interieur  klar  erkannte  Programmpunkte  waren.  Die 
Aufnahme  in  Paris  war  sehr  geteilt.  Octave  Mirbeau  erließ  im  Figaro  einen  flammenden  Protest, 
der,  wie  Bing  als  Kenner  der  Verhältnisse  annahm,  von  der  Pariser  Möbelindustrie  bezahlt  war,- 
de  Goncourt  dagegen  begriff  das  Prinzip  und  prägte  den  Namen  Vachting=Stile.  Plumet,  Sauvage 
und  der  aus  Nanzig  kommende  Selmersheim  traten  in  die  Spuren  Veldes  und  begründeten  jene  spezU 
fisch  pariserische  Moderne,  die  höchst  geschmackvolle  Arbeiten  entstehen  ließ,  aber  mit  dem  Bingsdien 
Pavillon  von  de  Feure  auf  der  Weltausstellung  1900  ein  leider  unheilbares  Fiasko  erlitt.  Dieses 
Fiasko  war  unvermeidbar.  Der  Geist  einer  Gesellschaft  ist  leicht  für  Sensationen  zu  entflammen, 
die  sich  in  der  Sphäre  des  reinen  Luxus  abspielen.  So  konnte  Bing  das  Pariser  Sammlertum  für 
Japan  gewinnen.  Aber  eine  Stilwandlung  im  Mobiliar  setzte  Bedarf  voraus,  und  dieser  war  in  einem 


Museum  Folkwang  zu  Hagen 
Vorhalle 


18 


Lande  nicht  vorhanden, 
dessen  reicher  Besitz  an  ed= 
len,  alten  Möbeln  sich  von 
Generation  zu  Generation 
forterbte.  Aussteuern  aus 
völlig  neuem  Hausrat  sind 
in  Frankreich  eine  seltene 
Ausnahme,  in  den  meisten 
Fällen  werden  einzelne  neue 
Stücke  zum  alten  Erbgut 
hinzuerworben.  Diese  aber 
wird  man  immer  dem  Vor^ 
handenen  anpassen,  und  so 
sind  die  Vorbedingungen 
für  einen  neuen  Stil  in 
Frankreich    nicht    gegeben. 

Ob  Bing  dies  schon 
1897  einsah,  mag  dahin= 
gestellt  bleiben.  Jedenfalls 
lag  ihm  sdion  damals  daran, 
mit  seinen  Bestrebungen 
nach  Deutschland  hinüber^ 
zugreifen,  wo  eine  ver= 
wandte  Bewegung  in  Mün= 
chen  durdi  Obrist,  Pankok 
und  Riemerschmid  seit  1 895 
eingeleitet  war.  Die  Ge= 
legenheit  bot  sich  mit  der 
Dresdner  Kunstausstellung 
von  1897.  Der  dortige  Ausschuß,  in  dem  Waldemar  vonSeydlitz  eine  führende  Stimme  besaß,  erwies 
sich  dem  Gedanken  zugängig,  den  Bilderfolgen  eine  Abteilung  für  Kunstgewerbe  anzugliedern.  Es 
geschah  dies  zum  ersten  Male.  Bings  Angebot,  diese  Gruppe  ausschließlich  durch  den  Art  nouveau 
zu  bestreiten,  fand  Annahme,-  man  ließ  sich  sogar  auf  die  Bedingung  ein,  daß  die  Mitarbeiter  ungenannt 
bleiben  sollten.  Den  Vertrag  in  der  Tasche,  erschien  Bing  in  Uccle,  um  die  Ausführung  mit  van  de  Velde 
zu  besprechen.  Man  entschloß  sich,  die  vier  in  Paris  befmdlidien  Räume  um  einen  Ruheraum,  der  dazu 
gestaltet  werden  sollte,  zu  vermehren.  Velde  entwarf  ihn  mit  genialer  Freiheit.  In  das  Viereck  des  Ober= 
lichtraumes  setzte  er  als  Hauptmotiv  einen  gewaltigen  Kamin,  aus  dessen  Teilungs  vertikalen  die  Decken= 
gliederung  hervorwuchs.  Die  Horizontalschichtung  wurde  durch  einen  Sodtel  von  Bigotschen  Platten 
und  einen  schablonierten  Fries  gebildet,  dessen  Felder  über  den  Türen  als  Verglasungen  von  gleicher 
Zeichnung  undFarbe  durchliefen.  Das  Zentrum  markierte  ein  neuartiggeschweifter  Rundsitz  (Abb.  S.15>. 

Dieser  Raum  wirkte  wie  ein  Fanfarenstoß,  der  eine  neue  Zeit  einleitete.  Die  Gründlidikeit  der 
deutschen  Journalisten,  denen  vielleicht  eine  Indiskretion  Meyer^Gräfes  zu  Hilfe  kam,  hatte  bald  den 
wahren  Urheber  herausgefunden,  und  sein  Name  lag  auf  den  Lippen  aller  derer,  die  von  einer  Er= 
weckung  des  Kunstgewerbes  eine  nationale  Wiedergeburt  erhofften. 


Museum  Folkwang 

Stufenanschluß  der  Haupttreppe 


19 


Der  Künstler  war  zur  Durchführung  der 
Arbeiten  in  der  Ausstellung  nach  Dresden 
gekommen  und  zwar  in  Begleitung  Konstantin 
Meuniers,  der  um  eine  Gesamtausstellung 
seiner  Werke  gebeten  war.  Dieser  sprach  unter 
dem  Rindruck  des  Rmpfanges,  den  man  van  de 
Velde  bereitete,  das  prophetische  Wort:  ,,Sit 
werden  noch  in  Deutschland  hängen  bleiben." 
Für  dieses  Mal  allerdings  kam  es  noch 
nicht  dazu.  Aber  Meyer=Gräfe  nahm  ihn  mit 
nach  Berlin  und  führte  ihn  in  den  Pan=Kreis 
ein.  Kurt  Hermann  und  der  Japan=Händler 
Pächter  begehrten  Einrichtungen  von  ihm.  Es 
waren  dies  die  ersten  Bestellungen  von  privater 
Seite,-  sie  weckten,  nachdem  er  bisher  nur  aus 
innerem  Bedürfnis  geschaffen,  das  Gefühl  des 
Berufes  in  ihm.  In  Uccle  erschienen  nacheinan^ 
der  die  späteren  Freunde  und  Förderer  seiner 
Kunst,  unter  ihnen  Harry  Graf  Keßler,  Eber- 
hard Freiherr  von  Bodenhausen,  Graf  Dou= 
glas,  Paul  Cassirer  und  Herbert  Esche.  Dou= 
glas  und  Bodenhausen,  die  damals  die  Tropon= 
Werke  leiteten,  übertrugen  ihm  den  Entwurf 
ihrer  Werbemittel,-  sie  gaben  damit  das  erste 
Beispiel  einer  künstlerischen  Reklame  vor* 
nehmsten  Stiles  in  Deutschland  <  1898).  Bodenhausen  verknüpfte  damit  den  Auftrag  einer  Einrichtung, 
Keßler  folgte  mit  der  Ausstattung  seiner  Berliner  Wohnung  in  der  Köthenerstraße,  für  die  er  die  „Badens 
den"  Seurats  als  Hauptschmuckstück  zur  Verfügung  stellte.  Bedeutungsvoller  wurden  natürlich  die 
Einrichtungen,  die  der  Öffentlichkeit  zugängig  waren.  Sic  entstanden  fast  gleichzeitig  in  Paris  und  Berlin, 
aber  auch  in  Paris  in  deutschem  Auftrage.  Meyer=Gräfe  gründete  dort  1899  die  Maison  moderne,  in 
Berlin  waren  es  Paul  Cassirer,  Keller rdd Reiner  und  die  Habana^Compagnie,  die  ihre  teilweise  um* 
fangreichen  Läden  und  Ausstellungsräume  von  van  de  Velde  ausstatten  ließen. 

Nachdem  sich  infolge  so  zahlreicher  Aufträge  die  Berufstätigkeit  verwirklicht  hatte,  lag  es  nahe, 
an  die  Gründung  von  Werkstätten  zu  denken.  Mit  Frau  Sethe,  die  dem  Künstler  ihr  schönes  Ver- 
trauen bewahrte,  vereinigten  sich  zu  diesem  Zwecke  Bodenhausen,  Douglas  und  Kurt  Hermann.  Sie 
gründeten  gemeinsam  die  Werkstätten  van  de  Velde  ^cD  Co.,  G.  m.  b.  H,  in  der  Vorstadt  Ixelles 
bei  Brüssel.  Diese  wurden  für  die  Herstellung  von  Möbeln,  Beleuchtungskörpern  und  Schmuck  ein- 
gerichtet. Für  den  Künstler  bedeuteten  sie  die  Möglichkeit,  in  engster  Fühlung  mit  den  Handwerkern 
zu  arbeiten  und  seine  Formen  immer  mehr  mit  dem  Materiale  in  Einklang  zu  bringen.  Die  Ergebe 
nisse  entsprachen  dieser  Gunst  der  Umstände,  der  Künstler  reifte  selbst  mit  seinen  Werken.  Allein 
es  zeigte  sich  bald,  daß  Belgien  das  Unternehmen  nicht  tragen  konnte.  Alle  Bestellungen  kamen  aus 
Deutschland,  aber  der  Export  gestaltete  sich  zu  kostspielig.  Schon  lag  ein  Ultimatum  von  Bodenhausen 
vor,  das  das  Fortbestehen  des  Unternehmens  in  Frage  stellte,  als  ein  unvorhergesehenes  Ereignis  dem 
Schaffen  des  Künstlers  neue  Aussichten  eröffnete  und  seine  Übersiedlung  nadi  Deutschland,  für  die 


Museum  Folkwang 
Antikensdirank 


20 


schon  so  viele  Gründe  vorlagen,  zur  Tatsache 
machte.  Es  handelt  sich  um  ein  Anerbieten, 
dasdenVerfasserdieserSchriftam  l.Mai  1900 
in  die  Werkstätten  von  Ixelles  und  nach  Uccle 

führte-  *  * 

® 

Wenn  der  Frühling  kommt,  sprossen  die 
Blüten  an  allen  Zweigen  zugleich.  So  auch 
scheinen  die  Gedanken  der  Menschen,  wenn 
ihre  Zeit  da  ist,  in  vielen  Gehirnen  zugleich 
zu  knospen. 

Das  Sdiicksal  van  de  Veldes  war  das 
seiner  Zeit.  In  allen  Ländern  wucherte  der 
Schund  auf  den  Mistbeeten  des  Liberalismus. 
Das  Unternehmertum  hatte  die  Kunst  aus 
der  Architektur  und  aus  dem  Gewerbe  ver= 
drängt.  Scheinwesen  und  Roheit  vernichteten 
die  Kultur  der  Völker.  Wo  konnte  sich  dieser 
Abstieg  hüllenloser  offenbaren  als  in  den  Städ= 
ten,  die  der  modernen  Industrie  ausschließlich 
ihr  Dasein  verdankten?  Hier  trotzte  die  Ge= 
winnsucht  jeder  Hemmung.  Tradition  war 
nicht  vorhanden.  Alles  Tun,  dessen  Nutzen 
nicht  berechenbar  war,  wurde  als  Narrheit 
verspottet.  Dieser  Gesinnung  entsprach  das 
Aussehen  der  Städte.  Schmutzstarrenden  Arbeiterkasernen  standen  Fabrikantenvillen  gegenüber, 
deren  anspruchsvoller  und  doch  billiger  Prunk  einen  Unterschied  der  Bildung  nicht  erkennen  ließ. 
Jedem,  der  in  der  Entwicklung  der  Menschheit  einen  Aufstieg  zu  höheren  Lebensformen  erblicken 
möchte,  mußte  dieser  Zustand  hoffnungslos  erscheinen.  Es  war  des  Verfassers  Jugendschicksal, 
in  solcher  Umgebung  aufzuwachsen.  Ihre  Zustände  hatten  ihn  mit  Grauen  und  Bitterkeit  erfüllt. 
Sein  Wunsch  war,  den  abwärts  rollenden  Rädern  irgendwie  in  die  Speichen  zu  fallen,  und  er  suchte 
an  Universitäten  und  auf  Reisen  in  die  Länder  alter  Kultur  zur  Klarheit  über  die  Mittel  und 
Wege  zu  gelangen.  Es  drängte  sich  ihm  auf,  daß  eine  Wandlung  nur  durch  eine  von  Grund  aus 
veränderte  Erziehung  der  Menschheit  erreicht  werden  könne,  daß  man  zu  einer  Genesung  nur  kam, 
wenn  alle  schaffenden  Kräfte  auf  die  Schönheit  eingestellt  waren.  Dem  Schaffen  des  Schönen  aber 
mußte  ein  Begreifen  des  Schönen  in  der  Natur  vorausgehen,  und  so  entschloß  er  sich,  zunächst  ein 
Museum  der  Naturwissenschaften  in  seiner  westfälischen  Vaterstadt  Hagen  zu  errichten.  Das  von 
dem  Berliner  Baurat  Gerard  erriditete  Gebäude  stand  zu  Beginn  des  Jahres  1900  im  Rohbau  fertig,- 
mit  der  Ausstattung  sollte  eben  begonnen  werden,  als  dem  Bauherrn  ein  Heft  der  Dekorativen 
Kunst  in  die  Hände  fiel,  das  einen  Aufsatz  über  Veldes  Schaffen  brachte.  Lesen  und  Handeln  war 
eins.  Der  Bauherr,  der  während  der  zweijährigen  Bauzeit  praktische  Erfahrungen  über  das  LInwesen 
der  Stilarchitektur  hatte  sammeln  können,  erkannte  mit  einem  Blick,  daß  hier  der  Weg  der  Zukunft 
beschritten  war,  der  Weg,  der  durch  Vernunft  zur  Schönheit  führte.  Noch  am  selbigen  Tage  ging  ein 
Telegramm  nach  Brüssel  ab,  das  dem  Künstler  seinen  Besuch  ankündigte. 


Museum  Fofkwang 
Deokenträger^Ummanteluiig  im  Untergeschoß 


21 


Die  Verständigung  erfolgte  rasch.  Die  Werkstätten  von  Ixelles  und  Haus  Blumenwerf  —  so 
nannte  der  Künstler  sein  Heim  —  konnten  nur  den  Kindruck  der  Publikation  vertiefen,  die  diese 
Begegnung  herbeigeführt  hatte.  Als  der  Verfasser  Brüssel  verließ,  stand  es  fest,  daß  das  Museum 
Folkwang  ein  Protest  gegen  den  Mißbrauch  der  Stile,  ein  Weckruf  an  die  Künstlerschaft  und  ein 
Jungbrunnen  deutscher  Kultur  werden  sollte. 

Dieser  neue  Auftrag  stellte  die  Inhaber  der  Werkstätten  vor  eine  veränderte  Situation.  Daß  die 
Lieferungen  nicht  von  Brüssel  aus  erfolgen  konnten,  stand  fest.  Bodenhausen  bemühte  sich,  Kapital 
für  eine  ähnliche  Gründung  in  Deutschland  zu  sammeln.  Als  dies  leider  nicht  gelang,  trat  man  einem 
Kaufgebot  näher,  das  der  damalige  Inhaber  des  Hohenzollern^Kunstgewerbehauses  in  Berlin,  H.Hirsch^ 
wald,  der  Gesellschaft  machte.  Bedenken,  die  diese  Persönlichkeit  hätte  eingeben  sollen,  wurden  allzu 
vertrauensselig  überwunden,  und  noch  im  selben  Sommer  gingen  die  Werkstätten  an  Hirschwald  über. 

Hirschwald  gewann  laut  Vertrag  das  Recht,  allein  über  die  Arbeit  van  de  Veldes  zu  verfügen 
und  alle  Aufträge,  die  diesem  zufallen  sollten,  in  „seinen"  Werkstätten  auszuführen.  Hiermit  gingen 
die  Lieferungen  für  das  Hagener  Museum,  und  zwar  ohne  daß  der  Bauherr  es  wußte,  automatisch 
an  Hirschwald  über.  Außerdem  ein  Auftrag,  den  der  Hoffriseur  des  Kaisers,  Haby,  dem  Künstler 
soeben  erteilt  hatte. 

Hirschwald  räumte  den  Arbeiten  van  de  Veldes,  die  er  von  den  Werkstätten  übernommen  hatte, 
einen  bescheidenen  Winkel  in  seinem  Warenhause  ein.  Auf  den  ehrlichen  Willen,  den  Künstler  für 
eine  Kulturbewegung  einzusetzen,  wie  er  bei  Bing  doch  vorgelegen  hatte,  war  daraus  nicht  eben 
zu  sdiließen. 

Velde  sollte  denn  auch  bald  empfinden,  daß  seine  Interessen  bei  dem  Handel  zu  kurz  gekommen 
waren.  Zunächst  allerdings  verteidigte  er  ihn  noch  lebhaft  gegen  den  Verfasser,  der  in  dieser 
Liberschreibung  eine  Rücksichtslosigkeit  zu  sehen  geneigt  war.  Kr  hatte  gehofft,  durch  die  Ver- 
gebung der  Arbeiten  das  Hagener  Handwerk  zu  fördern,-  daß  diese  nun  dem  jüdischen  Groß» 
handel  zugute  kommen  sollten,  bereitete  ihm  nicht  geringes  Mißbehagen.  Kr  glaubte  die  Psycho- 
logie dieser  Wirtschaftsform  zu  kennen  und  sah  die  größten  Unannehmlichkeiten  voraus.  In  der 
Tat  ließen  diese  nicht  auf  sich  warten.  Die  ersten  Lieferungen  —  es  handelte  sich  um  Türen  für 
das  Kellergeschoß  —  fielen  derartig  aus,  daß  sie  den  schärfsten  Widerspruch  hervorrufen  mußten. 
Der  Bauherr  fuhr  selbst  nach  Berlin,  und  hier  gelang  es,  folgende  Tatsachen  festzustellen.  Hirschwald, 
der  über  eigene  Werkstätten  gar  nicht  verfügte,  hatte  die  Türen  einem  kleinen  Tischler  am  Halleschen 
Tor  übergeben.  Kr  hatte  diesen  mit  der  Vorspiegelung  gedrückt,  daß  bei  der  vorliegenden  Lieferung, 
wenn  sie  nur  billig  ausfiele,  ein  großer  Auftrag  für  sie  beide  herausspringen  könne.  Auf  Güte  des 
Materials  und  der  Arbeit  käme  es  nicht  an.  Der  Tischler  zeigte  dem  Verfasser  diesen  Brief,  um 
seine  Handwerksehre  wiederherzustellen,  und  dieser  hatte  nun,  im  Besitz  des  belastenden  Briefes, 
eine  Handhabe,  Hirschwald  seinen  Auftrag  in  aller  Form  aufzusagen.  Den  Bemühungen  des  vor- 
trefflichen Pächter,  der  zwar  Glaubensgenosse  Hirschwalds,  aber  Gesinnungsgenosse  der  Gegen- 
partei war,  gelang  es  sodann,  ein  Abkommen  herbeizuführen,  das  van  de  Velde  im  Besitz  des  Auf- 
trages ließ,  den  Verfasser  aber  verpflichtete,  eine  Prozentquote  von  allen  Lieferungen,  die  er  seiner^ 
seits  frei  vergeben  konnte,  an  Hirschwald  abzuführen.  So  war  dem  Künstler  die  Schaffensmöglich= 
keit,  dem  Verfasser  die  Gelegenheit  gerettet,  durch  seine  Aufträge  das  Hagener  Handwerk  zu  fördern. 

Velde  begab  sich  denn  nun  auch  mit  Hingabe  an  die  Arbeit.  Ks  reizte  ihn  der  hohe  Zweck  der 
Aufgabe  sowie  auch  die  unbedingte  Freiheit,  die  ihm  in  der  Ausführung  eingeräumt  wurde.  Denn 
hier  sollte  es  sich  schlechthin  darum  handeln,  ein  Dokument  des  neuen  Kunstwollens  hinzustellen. 
Das  einzige,  was  ihn  beschränkte,  waren  die  leider  nicht  mehr  zu  ändernden  Abmessungen  der  Räume, 

22 


Museum  Folkwang 
Spiegelschr\ank  im  oberen  Vestibül 

die  Konstruktionen,  die  Lage  und  Form  der  Fenster  und  Türen.  Wesentliche  Eindrucksmomente 
der  Räume  waren  damit  bereits  festgelegt.  Haltte  Velde  sie  von  Anfang  an  projektiert,  so  wären 
sie  zweifellos  anders  ausgefallen.  Ihre  Ausmaße  waren  aber  nicht  derart,  daß  sie  einer  harmonischen 
Wirkung  im  Wege  standen,  und  Velde  ist  denn  auch  über  Einzelheiten,  die  ihn  störten,  bald  hin= 
weggekommen. 

Zu  diesen  gehörte  vor  allem  die  Verbindung  von  Eisenstützen  und  Backsteinbögen,  die  als 
Gerippe  einer  Renaissance=StuckhüIle  gedacht  waren.  Seinem  Gefühl  hätte  es  mehr  entsprochen, 
die  Konstruktion  offen  zu  bekennen,  sie  so  zu  gestalten,  daß  eine  Hülle  unnötig  war.  Dem  aber 
widersprach  der  Rohbau=Charakter  des  Vorhandenen.  Was  blieb  also  übrig,  als  ebenfalls  eine 
Hülle  zu  suchen,  nur  anders,  als  der  Renaissancist  sie  sich  vorgestellt  hatte?  Wollte  dieser  eine 
Säule  verstucken,  als  wenn  sie  aus  Werkstücken  aufgebaut  wäre,  Schaft  auf  Basis  und  Kapitell  auf 
Sdiaft,  so  empfand  van  de  Velde  die  Homogenität  der  Stud<masse,  der  horizontale  Fugen  ebenso 
widersprachen  als  schwellende,  wadisende  Formen  ihr  angemessen  schienen.  So  schuf  er  ein  System 
von  Stützen  und  Unterzügen,  das  in  der  einheitlichen  Stuckhülle  das  Gerüst  von  Eisen  und  Back= 
stein  ebenso  fühlen  läßt,  wie  ein  Sdiädel  die  Form  des  Kopfes  bestimmt.  Zum  ersten  Male  erfaßte 
er,  wenn  auch  noch  unbewußt  und  halb  gezwungen,  die  Form  als  eine  Milderung  der  Konstruktion, 
als  eine  Erscheinung,  die  dieser  zwar  Leben  und  Eigenart,  nidit  aber  die  Schönheit  verdankt  In  .den 

23 


Museum  Folkwang 
Bildersaal 

Metall-  und  Holzarbeiten  tritt  das  Bedürfnis,  die  Formen  technisch  zu  motivieren,  weit  schroffer 
hervor.  So  kommt  das  eiserne  Treppengeländer  über  den  Rindruck  des  Funktionellen  nicht  hinaus, 
im  Bildersaale  ist  die  Befestigung  des  Marmorsockels,  der  ganz  funktionell  erscheinen  will,  nur  mit 
Hilfe  einer  unsichtbaren  Hilfskonstruktion  möglich  gewesen.  Man  wird  auch  in  späteren  Arbeiten 
des  Künstlers  nicht  selten  derartige  Ungereimtheiten  finden.  Sie  beweisen  aber  nur,  daß  seine  viel- 
berufene Theorie  der  Zweckmäßigkeit  keine  materielle  Auslegung  verträgt,  sondern  aus  der  Idee 
des  ästhetischen  Scheines  erklärt  werden  muß.  So  gesehen  berührt  sie  sich  eng  mit  der  Auffassung 
Schillers,  der  <in  den  Ideen  zur  ästhetischen  Erziehung  der  Menschheit)  ebenfalls  nicht  die  Erfüllung 
gemeiner  Bedürftigkeit  sondern  die  von  Notwendigkeiten  des  Geistes  als  Kriterium  der  Schönheit 
betrachtet  wissen  will. 

Die  den  Künstler  bewegende  Triebfeder  war  recht  eigentlich  das  Streben  nach  Harmonie.  Er 
bemühte  sich,  die  Vielheit  der  Formen  zur  Einheit  zu  fügen  und  diese  dem  Gesetz  von  Maß  und 
Ordnung  zu  unterwerfen.  So  erklären  sich  Zusammenhänge,  die  aus  Zweck  und  Material  niemals 
zu  begreifen  sind.  Pfeiler  steigen  aus  Schränken,  Schränke  verkleiden  Heizkörper  und  Marmor= 
sockel  stehen  auf  Parkettboden.  Lauter  Dinge,  vor  denen  sich  der  Berufs-Ästhetiker  bekreuzigt.  Aber 
sie  folgern  aus  dem  höheren  Gesetze  des  Raumes,  dessen  Organe  sie  sind.  Und  diese  Auffassung 
des  Raumes,  der  sich  aus  seinen  Bestandteilen  als  formaler  Organismus  aufbaut,  war  das  wahrhaft 
Befruchtende  in  van  de  Veldes  Tat.  Er  protestierte  damit  gegen  den  ungeordneten  Wirrwarr,  der  bis 
dahin  Stuben  und  Säle  füllte,  er  erledigte  alles  Symbolische,  Affektionelle,  indem  er  nur  den  Raum= 

24 


Museum  Folkwang 
Oberlicht  im  Bildcrsaal 

wert  eines  Gegenstandes  gelten  ließ.  Seine  Räume  erreichten  die  Geschlossenheit  und  Strenge  eines  Bildes, 
in  dem  jeder  fremde  Farbenfleck  als  ein  die  Einheit  vernichtender  Fremdkörper  empfunden  werden  würde. 

Jeder  Raum  des  Museums  ist  ein  Dokument  dieses  Kunstwillens.  Am  deutlichsten  ist  er  erkenn» 
bar  in  den  beiden  Oberlichträumen,  um  die  sich  das  obere  Stockwerk  gruppiert.  Den  Bildersaal  um» 
zieht  ein  Sockel  aus  grauem  Pyrenäenmarmor,  aus  dem  in  den  vier  Ecken  die  Heizung  umfassende 
Schrankbauten  hervorwachsen.  Ihre  weitgespannten  Bogen  wiederholen  sich  über  den  Türen,  im  Stuck» 
fries  und  im  Oberlicht.  Noch  stärker  drückt  sich  dasselbe  in  dem  anstoßenden  kleineren  Oberlichtraum 
aus,  der  ursprünglich  als  Musiksaal  gedacht  war.  Hier  umziehen  Ruhesitze,  Heizkörper  und  Noten» 
schränke  die  Wände.  Jede  von  ihnen  ist  in  der  Mitte  durch  eine  Tür  unterbrochen.  Aus  der  Mitte 
dieser  Türen  senken  und  heben  sich  Linien,  die  das  ganze  Mobiliar  zusammenfassen.  Sie  lassen  es 
als  einen  sanft  bewegten  Sockel  erscheinen,  der  die  Raumwölbung  trägt.  In  dieser  wie  Adlerschwingen 
bewegter  Linie  aber  hat  nicht  nur  die  Teilung  des  Raumes  Gestalt  gewonnen,  sie  drückt  auch  ein 
Gefühl  aus,  das  auf  seine  Bestimmung  hinweist,  ein  Gefühl  der  Sehnsucht,  das  die  in  Farben 
perlende  Ornamentik  des  Oberlichtes  wie  mit  leisen  Triolen  umwindet.  Auch  hier  wird  deutlich, 
daß  das  oft  nur  funktionell  ausdeutende  Lineament  des  Künstlers  eines  weit  höheren  Aufschwunges 
fähig  war.  Die  eigentliche  Formel  für  seinen  Linearausdruck,  daß  die  Linie  eine  Kraft  sei,  hatte  er 
aber  bis  dahin  noch  nicht  gefunden. 

W  ie  in  der  Form,  so  strebte  er  auch  in  der  Farbe  nach  Harmonie.  Er  ging  dabei  stets  von  vor» 
handenen  Dominanten  aus  und  stimmte  nach  Möglichkeit  die  Vielheit  der  farbigen  Dinge  eines  Raumes 
auf  drei  Farben,  also  einen  Dreiklang,  zurück.  So  findet  man  im  unteren  Vestibül  rote  Bodenfliesen,  weiße 
\\  ände  und  gelbes  Eichenholz,  im  oberen  Vestibül  gelbes  Eichenholz  sowie  grüne  und  lila  Schrank» 
bespannungen.  Hierzu  ist  das  Oberlicht  in  gelben,  grünen  und  violetten  Gläsern  gestimmt.  Das  Treppen» 
hausfenster,  das  von  beiden  Vestibülen  aus  gesehen  wird,  läßt  das  Rot  des  unteren  Stockwerks  nach 
oben  steigen,  das  Gelb,  Grün  und  Violett  von  oben  nach  unten  fließen.  So  durchdringen  sich  hier 
im  Treppenhause  gewissermaßen  beide  Stockwerke.  Daß  das  Auge  des  einstigen  Malers  die  Nuancen 
harmonisch  zu  treffen  wußte,  bedarf  wohl  keiner  Erwähnung. 

25 


Museum  Folkwang 
Nebentreppe 


26 


Die  Einweihung  des  Museums  fand  am  19.  Juli  1902  statt.  Unter  den  Festgästen  war  auch 
Bodenhausen.  Die  Gattin  des  Künstlers  und  die  Hausfrau  trugen  Kleider,  die  der  Künstler  selbst 
entworfen  hatte.  Der  Widerhall  war  um  so  größer,  als  inzwischen  auch  die  Darmstädter  Ausstellung 
von  1901  das  Interesse  für  die  von  München  und  Wien  ausgehenden  neuen  Kunstbestrebungen  wach= 
gerufen  hatte.  Das  Hagener  Museum  stellte  sich  nun  als  ein  zweites  ,, Dokument  deutscher  Kunst" 
neben  die  Darmstädter  Kolonie. 

Inzwischen  hatte  sich  auch  die  Bestimmung  des  Gebäudes  gewandelt.  Mit  den  größeren  Auf= 
Wendungen,  die  es  infolge  der  Arbeiten  van  de  Veldes  erforderte,  war  die  baldige  Errichtung  eines 
zweiten,  ausschließlich  der  Kunst  gewidmeten  Museums  unwahrscheinlich  geworden.  Der  Verfasser 
hatte  sich  daher  entschlossen,  das  bestehende  Gebäude  beiden  Zwecken  zu  widmen.  Von  den  drei 
Stockwerken  sollte  zunädist  nur  das  Untergeschoß  noch  naturwissenschaftlichen  Zwecken  dienen,  die 
beiden  oberen  nahmen  die  inzwischen  angewachsenen  Kunstsammlungen  auf.  Es  erscheint  dem  Ver= 
fasser  als  Ehrenpflicht,  hier  anzumerken,  daß  er  in  bezug  auf  eine  energische  Kursänderung  in  seiner 
Sammeltätigkeit  sehr  viel  der  überlegenen  Erfahrung  seines  Architekten  verdankte. 

So  war  denn  der  Folkwang  (Volksanger,  Haus  derFreya>in  doppelter  Hinsicht  ein  Anziehungs= 
punkt  für  alle  Freunde  moderner  Kunst  geworden.  Man  fand  hier  die  modernste  Ausstattung  und 
die  modernsten  Bilder.  Eines  unterstützte  die  Wirkung  des  anderen,  und  so  konnte  denn  ein  unbestritten 
ner  Erfolg  in  der  Kunstwelt  nicht  ausbleiben.  Von  den  lokalen  Wirkungen  allerdings  möchten  wir 
schweigen,  da  wir  unsere  Feder  der  geistigen  Evolution,  nicht  aber  der  Pathologie  des  provinziellen 
Geschmackes  zu  leihen  entschlossen  sind. 

Gleichzeitig  mit  dem  Hagener  Museum  wurde  in  Berlin  der  Salon  des  kaiserlichen  Hoffriseurs 
Haby  begonnen.  Er  teilte  mit  dem  Museum  das  Schicksal,  von  den  Werkstätten  an  Hirschwald 
verhandelt  zu  werden.  In  diesem  einzigen  Falle  blieb  dieser  auch  Lieferant  einer  von  Velde  ent- 
worfenen Ausstattung.  Der  noch  vorhandene  Salon  bietet  das  Schulbeispiel  für  die  äußerste  Aus- 
nutzung der  funktionellen  Motivierung.  Velde  hat  das  gesamte  Installationssystem  in  die  Sichtbarkeit 
gerückt,  um  die  tiefe  Mahagoniwand  der  gereihten  Toiletten  mit  einem  blitzenden  Gefüge  von  metallnen 
Röhren  zu  überspannen.  Auch  die  Beleuchtungskörper  wachsen  metallen  aus  dieser  Wand  hervor. 
Spiegel  und  Marmor  tun  das  übrige,  um  die  strahlendste  Materialwirkung  hervorzuzaubern.  Aber 
das  boshafte  Wort  eines  Zeitgenossen,  man  trage  die  Eingeweide  nicht  als  Schmuck  um  den  Hals, 
findet  hier  doch  eine  gewisse  Berechtigung.  Die  Hervorzerrung  der  Installation  wirkt  zu  absichtlich, 
auch  kann  man  sich  der  Erwägung  nicht  verschließen,  daß  ihre  durch  die  Freilegung  bedingte  Kom« 
pliziertheit  in  keinem  rechten  Verhältnis  zu  ihrem  Schmuckwert  steht.  Dieselbe  Wirkung  wäre  weit 
einfacher  zu  erzielen  gewesen,  und  es  trägt  zu  unserm  Vergnügen  nidit  besonders  viel  bei,  daß  die 
metallnen  Teile  funktionell  begründet  sind.  Die  Erwägung  liegt  zu  nahe,  daß  die  Natur  nicht  so  zu 
arbeiten  pflegt.  Dennoch  ist  der  Salon  von  Haby  aus  dem  Schaffen  Veldes  nicht  wegzudenken  und 
nicht  wegzuwünschen.  Man  überwindet  einen  Irrtum  solcher  Art  nur  dadurch,  daß  man  ihn  begeht. 
Und  es  bleibt  an  dieser  Sdiöpfung,  die  in  der  Gesamtauffassung  ebenso  vorbildlos  war  wie  vorbilde 
lieh  wurde,  noch  genug  zu  bewundern.  Sie  ist  voll  der  geistreichsten  Einzellösungen  und  unantastbar 
in  der  Straffheit  ihrer  großen  Form.  Allerdings  muß  erwähnt  werden,  daß  die  störenden  Kronleuchter 
gegen  den  Willen  des  Künstlers  und  nur  deshalb  angebracht  worden  sind,  weil  der  Hoffriseur  sich 
für  berechtigt  hielt,  sie  auf  Grund  seines  Vertrages  zu  verlangen. 

Der  Salon  wurde  1901  vollendet,-  zusammen  mit  der  Tropon=RekIame  und  dem  Laden  der 
Habana=Compagnie  leitet  er  jene  Bewegung  ein,  die  später  unter  dem  Schlagwort  „Kunst  in  Handel 
und  Gewerbe"  unser  gesamtes  Wirtschaftsleben  nachhaltig  beeinflussen  sollte.  Es  sd  schon  hier  vor= 


4« 


27 


Haus  Schede  bei  Wetter  an  der  Ruhr 
Speisezimmer 

greifend  angemerkt,  daß  Velde  mit  der  Ausstattung  der  Deutschen  Bank  in  Augsburg  <1903>,  dem 
Maschinenhaus  für  die  Firma  R.'SDH.  Vorster  in  Hagen  <1904>,  dem  Privatkontor  des  Herrn  Her= 
mann  Harkort  in  Wetter  an  der  Ruhr  <1904>,  dem  Sitzungssaal  der  Hagener  Textilindustrie  <1906> 
und  den  Tintenpackungen  für  die  Firma  Beyer  in  Chemnitz  nicht  unerheblichen  Anteil  an  dieser 
Bewegung  nahm. 

Natürlich  war  auch  die  Lieferung  Hirschwalds  an  Haby  nicht  ohne  Reibungen  und  Verdrießliche 
keiten  vor  sich  gegangen,  unter  denen  der  Künstler  litt.  Daß  die  Verbindung  gelöst  werden  müsse, 
war  die  Überzeugung  aller  seiner  Freunde.  Den  Weg  fand  Graf  Keßler.  Rr  stand  einem  Grafen 
Wertern  nahe,  dessen  Schwester  mit  dem  damaligen  großherzoglich  sächsischen  Oberhofmarschall 
v.  Palizieux  vermählt  war.  Über  diese  diplomatische  Brücke  gelang  es,  den  Großherzog  von  Weimar 
für  den  Künstler  zu  interessieren.  Dieser  noch  junge  Fürst  hatte  soeben  die  Zügel  der  Regierung 
mit  der  Überzeugung  ergriffen,  daß  die  große  Vergangenheit  Weimars  ihm  Verpflichtungen  auferlege. 
Er  widersetzte  sich  nicht  dem  Gedanken  Keßlers,  daß  diese  den  Aufgaben  der  Neuzeit  entsprechend 
auf  dem  Gebiete  der  bildenden  Künste  abgetragen  werden  könnten.  Als  Velde  zur  Audienz  erschien, 

28 


k 


Frisiersalon  Haby  in  Berlin 


versprach  ihm  der  Fürst  goldene  Berge.  Er  solle  das  gesamte  Gewerbe  des  Großherzogtums  refor* 
mieren,  alle  öffentlichen  Bauten  errichten  und  als  sein  persönlicher  Berater  in  Kunstfragen  nur  ihm 
verantwortlich  sein.  Auch  die  Großherzogin=Mutter,  eine  Fürstin  von  altem  Stil,  die  das  klassische 
Belvedere  bewohnte,  empfing  ihn  huldvoll.  Kein  Wunder,  daß  er  mit  den  größten  Erwartungen  in 
die  Goethestadt  einzog. 

Und  die  ersten  Erfahrungen  gaben  seinen  Hoffnungen  recht.  Der  gesamte  Hof  schien  eine 
Genugtuung  darüber  zu  empfinden,  diesen  Weg  zu  einer  neuen  Blüte  Weimars  beschritten  zu  haben. 
Man  empfing  den  Künstler  so,  wie  Karl  August  seinen  Goethe  empfangen  und  eingeführt  haben 
mochte.  Die  Großherzogin«Mutter  und  der  Hofmarschall  stellten  ihn  persönlich  in  allen  Betrieben 
vor,  deren  kunstgewerbliche  Reformierung  man  im  Staatsinteresse  für  wünschenswert  hielt.  Dabei 
ergaben  sich  idyllische  Fahrten  ins  schöne  Thüringer  Land.  Sein  Atelier  erhielt  er  in  der  Kunstschule, 
zu  deren  Reformierung  noch  im  Herbste  desselben  Jahres  Hans  Olde  nach  Weimar  berufen  wurde. 
Dieser  sorgte  wiederum  dafür,  daß  man  Velde  am  3.  April  1902  den  Professortitel  auf  den  Geburts= 
tagstisch  legte. 

Eine  Beziehung,  die  ihn  wegen  ihrer  persönlidien  Wärme  besonders  beglückte,  war  die  zu  Elisabeth 
Förster=Nietzsche.  Die  Schwester  des  großen  Denkers  erfreut  sich  infolge  der  Sorgfalt,  die  sie  der 
Hinterlassenschaft  ihres  Bruders  widmet,  bei  dessen  Verehrern  aufrichtiger  Sympathie.  Velde  hatte 
sie  1900  in  Berlin  bei  Frau  Cornelie  Richter  kennen  gelernt,  der  in  Berliner  Salons  damals  wohU 
bekannten  Witwe  des  Malers  der  Königin  Luise.  Die  gleiche  Verehrung  für  den  Philosophen  führte 

29 


mB$mm,    ■ 


Haus  Esdie  in  Chemnitz 


sie  schnell  zusammen,-  Frau  Förster  lud  ihn  zu  einer  Fahrt  nach  Röcken,  zum  Grabe  Nietzsches,  ein, 
von  der  er  einen  tiefen  Rindruck  heimbrachte.  Als  seine  Berufung  nach  Weimar  in  Frage  stand,  war 
Frau  Förster  es  wieder,  die  einflußreiche  Kreise  für  ihn  zu  gewinnen  wußte,  und  als  die  Berufung 
gelungen  war,  krönte  sie  ihr  Interesse  mit  dem  Auftrage  eines  Entwurfs  zum  Nietzsche^  Archiv. 
Zwar  handelte  es  sich  nur  um  einen  Umbau,  aber  die  Verehrung,  die  Velde  von  jeher  für  Nietzsche 
empfand,  machte  ihm  gerade  diese  Aufgabe  besonders  lieb,  und  man  glaubt  auch  heute  noch  zu  empfinden, 
daß  er  sie  in  einer  weihevollen  Stunde  zur  Lösung  brachte. 

In  Deutschland  begann  man  an  diese  Vorgänge  hohe  Erwartungen  zu  knüpfen.  Man  hoffte  ein 
zweites  Darmstadt,  ja  vielleicht  ein  zweites  Weimar  entstehen  zu  sehen.  Der  Großherzog  hielt  das 
Glückslos  in  der  Hand,  das  ihn  zum  populärsten  deutschen  Fürsten  hätte  machen  können.  Und  der 
Gewinn  schien  ihm  sicher,  als  im  Frühjahr  1902  die  Kunde  durch  Deutschland  lief,  Harry  Graf  Keßler 
habe  den  Posten  eines  Museumsdirektors  in  Weimar  angenommen. 

Der  Name  des  Grafen  Keßler  hatte  seit  der  Gründung  der  Pan^Zeitschrift  einen  hellen  Klang. 
Er  war  der  Ersten  einer,  die  die  Notwendigkeiten  der  Neuen  Kunst  mit  klarem  Auge  erkannten 
und  Hand  anlegten,  wo  sie  helfen  konnten.  Daß  die  treibenden  Kräfte  hauptsächlich  in  Paris  sproßten, 
mag  Grund  gewesen  sein,  ihn  vor  allem  an  diese  Stadt  zu  fesseln.  Aber  er  hielt  das  Schaffen  in  den 
andern  Ländern,  zumal  in  England,  nicht  minder  im  Auge.  Daß  es  im  20.  Jahrhundert  nur  eine 
europäische  Kultur  geben  konnte,  war  ihm  so  selbstverständlich,  daß  er  sich  die  Frage  danach  vielleicht 

30 


Haus  Esche  in  Chemnitz 

niemals  vorgelegt  hat.  Nie  hatte  er  einen  Beruf  ergriffen,  und  wenn  er  sich  jetzt  dazu  entschloß,  war 
von  vornherein  klar,  daß  er  mehr  als  Berufsarbeit  zu  leisten  gedachte.  Ihn  konnte,  bei  seiner  Ver= 
anlagung,  nur  der  Gedanke  reizen,  Weimar  zum  zweiten  Male  zum  Zentrum  einer  europäischen 
Kultur  zu  machen,  jene  Geister  zu  bannen,  die  seit  hundert  Jahren  wie  eine  große  Forderung  über 
dieser  Stadt  der  deutschen  Ehren  schwebten.  Und  er  begann  seine  Mission  mit  Hingabe.  Das  Museum 
am  Karlsplatz  wurde  von  Gerumpel  befreit  und  in  mustergültiger  Weise  neu  aufgestellt.  Von  der 
Erwägung  aber  ausgehend,  daß  die  Wirkung  einer  solchen  Anstalt  nicht  von  einem  beschränkten 
Bestände  älterer  Kunstwerke  ausgehen  könne  und  in  Weimar  zu  ihrem  großzügigen  Ausbau  im  Sinne 
weltstädtischer  Museen  die  Mittel  fehlten,  legte  er  den  Hauptakzent  seiner  Tätigkeit  auf  Ausstellungen. 
umfangreiche  Beziehungen  und  ungewöhnliche  Sachkenntnis  befähigten  ihn  dazu  in  besonderem  Maße. 
Klinger,  Trübner,  Monet,  Gauguin,  Rodin  und  die  Neoimpressionisten  traten  nadieinander  hervor,- 
immer  war  die  Aufmachung,  bei  der  Velde  natürlich  mitwirkte,  meisterhaft.  In  den  oberen  Räumen 
sah  man  gleichzeitig  beste  Arbeiten  des  Kunstgewerbes  ausgestellt:  französische  Töpfereien,  Gläser 
von  Powels,  Leuchter  und  Metallarbeiten  von  Benson  und  Ashbee,  Bücher  von  Morris,  Crane  und 
Sanderson.  Viele  dieser  Dinge  wurden  durch  Keßler  zum  ersten  Male  nach  Deutschland  gebracht, 
und  es  gelang  ihm  auch,  in  dem  Bauerschen  Laden  eine  dauernde  Bezugsquelle  für  sie  in  Weimar 
zu  gewinnen. 

Natürlich  aber  sollten  diese  Veranstaltungen  nicht  nur  auf  den  Geschmack  der  Käufer  wirken, 


31 


Haus  Esche  in  Chemnitz 

Salon 

sondern  vor  allem  auch  die  Schaffenden  anregen  und  ihnen  einen  Stamm  befähigter  Helfer  in  den 
heimischen  Handwerkern  erziehen.  Wir  werden  sehen,  wie  diese  Gedanken  später  in  die  Gründung 
einer  Kunstgewerbeschule  mündeten. 

Ein  Vorbild  privater  Kunstpflege  gab  Keßler  selbst,  indem  er  Velde  mit  der  Einrichtung  seiner 
Wohnung  in  der  Cranachstraße  beauftragte.  Er  stellte  hierzu  hervorragende  Werke  aus  seinen  reichen 
Kunstsammlungen  zur  Verfügung,  Werke  übrigens,  die  auch  ihrerseits  wieder  die  feinsinnige  Kunst= 
pflege  des  Besitzers  bezeugten.  Die  Wohnung  ist  denn  auch  im  schönsten  Sinne  das  geworden,  was 
so  manche  nachfolgende  Ausstellung  zum  Schlagwort  erhob:  „Die  Wohnung  eines  vornehmen  Künste 
freundes."  Es  haftete  ihr  etwas  an,  was  jedem,  der  sie  betreten  durfte,  zu  kulturellen  Leistungen 
verpflichtete.  Man  darf  getrost  behaupten:  hätte  jede  deutsche  Stadt  auch  nur  eine  Wohnung  dieser 
Art  besessen,  so  wäre  die  „Luxussteuer"  als  ein  Sakrilegium  an  der  Kultur  begriffen  worden.  Man 
würde  erkannt  haben,  daß  sich  in  dem,  was  man  Luxus  nennt,  der  Aufstieg  der  Menschheit  vollzieht. 
Denn  Luxus,  richtig  erfaßt,  bedeutet  die  höchste  Forderung  an  alle. 

Es  galt  nun,  das  Weimarer  Leben  mit  dem  neuen  Geiste  zu  durchtränken.  Solange  der  Groß= 
herzog  bei  der  Stange  hielt,  waren  hierzu  die  besten  Aussichten  vorhanden.  Vor  allem  aber  leistete 
die  Großherzogin-Mutter  den  Bestrebungen  Keßlers  Vorschub.  Von  ihm  und  Velde  herangezogen, 
begannen  die  erlauchtesten  Geister  in  ihren  Salon  einzukehren.  Gerhard  Hauptmann,  Hugo  vonHof= 


32 


Haus  Esche  in  Chemnitz 
Wohnrimmer 

mannsthal,  Andre  Gide,  Theo  van  Rysselberghe  wurden  gefeiert.  Der  klassische  Grund,  wo  Goethe 
einst  den  Orest  gespielt,  sah  stimmungsvolle  neue  Feste.  Gesandte  und  Exzellenzen  sonnten  sich 
wieder  im  Glänze  des  Genies.  Um  diesem  Orchester  den  Dirigenten  zu  geben,  erging  der  Ruf  an 
Bodenhausen  als  Oberhofmarschall  der  alten  Großherzogin.  Diesen,  der  Jus  und  Industrie  nach= 
einander  verlassen  hatte,  um  bei  Thode  Kunstgesdiichte  zu  studieren,  lockten  die  Möglichkeiten  der 
Stellung  nicht  wenig,-  die  Bedingung  aber,  sechs  Monate  des  Jahres  in  Rom  zu  verbringen,  bestimmten 
ihn  schließlich  zur  Ablehnung. 

Seinen  Höhepunkt  erreichte  der  Glanz  des  Weimarer  Lebens,  als  Keßler  im  Jahre  1903  die 
Gründung  des  Deutschen  Künstlerbundes  gelang.  Künstler  aller  Richtungen  strömten  in  der 
Goethestadt  zusammen,  unter  ihnen  die  führenden  Meister  Liebermann,  Trübner,  Graf  Kalckreuth, 
Max  Klinger.  Liebermann  und  Klinger  hielten  bedeutungsvolle  Ansprachen.  Man  trug  dem  Groß= 
herzog  den  Ehrenvorsitz  an,  und  er  willigte  ein,-  Keßler  wurde  Sekretär  des  Bundes.  Ein  glänzen^ 
der  Fackelzug  ließ  die  ganze  Stadt  und  die  Jenenser  Studentenschaft  an  diesem  Feste  deutscher 
Kunst  teilnehmen. 

Velde,  den  um  diese  Zeit  die  Vollendung  des  Folkwang  und  die  Arbeiten  für  das  Nietzsche^ 
Archiv  auch  schöpferisch  ausfüllten,  durfte  die  Wendung  in  seinem  Geschick  in  jeder  Hinsicht  begrüßen. 
Man  begegnete  ihm  mit  Auszeichnung,  Minister  und  Diplomaten  suchten  seinen  Verkehr,  und  es  war 

5  33 


Sitzungssaal  in  der  Hagener  Textilindustrie 


34 


Haus  Leuring  in  Scheveningen 


ausdrücklicher  Wunsch  der  Großherzogin=Mutter,  daß  er  jeden  Besudi  eines  illustren  Freundes  bei 
Hofe  anzeigen  sollte.  Der  Hofmann  mußte  allerdings  den  Republikaner  für  künftige  Zeiten  beiseite 
stellen,-  dabei  aber  winkten  seinem  Bekenntnis  zur  Würde  der  Arbeit  die  schönsten  Aussichten.  Lind 
der  Hof  traf  ihn  an  einer  schwachen  Stelle:  Die  Leidenschaft  zur  Causerie  lag  ihm,  wie  allen,  die  die 
französische  Sprache  meistern,  im  Blute,- und  es  entzückte  ihn,  am  Weimarer  Hofe  ein  Milieu  zu  finden, 
in  dem  sie  zur  Geltung  kam.  Zur  Höhe  trug  ihn  die  Woge  des  Glückes,  als  in  diesen  Tagen  die 
Einladung  von  Ballin  zu  einer  Orientreise  an  ihn  gelangte. 

Man  erinnere  sich,  daß  bei  der  Ausstellung  seiner  ersten  Räume  in  Paris  Goncourt  das  Wort 
Vachting^Stile  geprägt  hatte.  Der  Wunsch,  diese  Formen  auf  einen  großen  Passagier=Dampfer 
angewandt  zu  sehen,  war  seitdem  bei  allen  Freunden  seiner  Kunst  lebendig  geblieben.  Nun  hatte  sich 
der  größte  deutsche  Seegewaltige,  der  erfolgreiche  Leiter  der  Hamburg- Amerika=Linie  anregen  lassen, 
van  de  Velde  die  Ausstattung  eines  Riesendampfers  zu  übertragen.  Die  Orientreise  war  als  Ein- 
leitung der  Beziehungen  gedacht.  Sk  sollte  ihm  Gelegenheit  bieten,  alle  Einrichtungen  eines  modernen 
Ozeanhotels  bis  ins  kleinste  zu  studieren  und  die  Bedürfnisse  des  Weltreisenden  am  eigenen  Leibe 
zu  erproben.  Daß  Velde  gerade  in  diese  Aufgabe,  die  knappste  Anpassung  an  sehr  determinierte 
Bedingungen  erforderte  und  dabei  doch  bedeutenden  Wirkungen  Raum  bot,  sein  ganzes  Können  gelegt 
haben  würde,  bedarf  keiner  neuen  Begründung  mehr.  Es  war  eine  der  ersten  herben  Enttäuschungen, 
die  seinem  glanzvollen  Aufstieg  folgten,  daß  Ballin  sich  später,  anscheinend  infolge  allerhöchster  Ein- 
misch ung,  zurückzog. 


35 


36 


Haus  Leuring  in  Scheveningen 
Haustür 


Die  Reise  selbst  aber  war  durch  solche  Befürchtungen  noch  nicht  getrübt.  Sie  führte  ihn  über  Genua, 
Neapel,  Syrakus  und  Malta  nach  Nauplia,  von  wo  aus  Tiryns  und  Mykene  besucht  wurden,  dann 
weiter  nach  Athen  und  Konstantinopel,  von  hier  über  Beirut  nach  Damaskus  und  Baalbek,  schließ- 
lich nadi  Jerusalem,  Kairo  und  über  Messina,  Palermo  nach  Genua  zurück.  Mailand  lag  auf  dem 
Rückwege.  In  blendender  Schau  also  boten  sich  ihm,  der  das  Mittelmeer  noch  nicht  kannte,  die  Haupt» 
Stätten  der  memphitischen,  griechischen,  byzantinischen,  arabischen  und  italienischen  Kulturepochen 
dar,  Pyramiden  und  Parthenon,  Sophienkirche,  Felsendom  und  Mamelukengräber  unmittelbar  hinter» 
einander!  Hine  mehrtausendjährige  Entwicklung  der  Kunst  lag  vor  ihm  aufgeschlagen,  vor  einem 
Auge,  das  nicht  Kennzeichen  suchte,  sondern  Erscheinungen  nach  ihrem  letzten  Sinn,  nach  ihrem  Wert 
für  unsere  Tage,  für  ein  ganz  persönliches,  individuelles  Schaffen  befragte.  Es  liegt  eine  Veröffent» 
lichung  über  diese  Reise  von  der  Hand  des  Künstlers  selbst  vor.  Sie  unterscheidet  sich  von  der  ernsten 
Diktion  seiner  sonstigen  Schriften  durd-i  eine  gewisse  Leichtfertigkeit  des  Tons,  die  den  Hofmann 
verrät.  Aber  sie  enthält  auch  unschätzbare  Hinweise  auf  die  Wandlung,  die  sich  während  dieser  Reise 
in  ihm  vollzog.  In  mancher  Hinsicht  freilich  fand  er  alte  Anschauungen  bestätigt.  Der  griechisdie  Tempel 
offenbarte  seinem  für  das  Negative  geschulten  Blick  die  gewaltigen  Vasen  seiner  Interkolumnen.  Das 
Leben  der  Linie,  das  immer  sein  Studium  gewesen  war,  sprach  ihn  aus  den  Schwellungen  der  Säulen, 
der  leisen  Hebung  des  Stylobats  und  den  Formen  dorischer  und  jonischer  Kapitale  mächtig  an.  Erst 
im  Jahre  zuvor  hatte  er  die  Formulierung  geprägt,  daß  die  Linie  eine  Kraft  sei.  Wo  war  sie  es  mehr 
als  hier,  wo  der  Grieche  den  gelösten  Ausgleich  seiner  dramatischen  Weltauffassung  in  das  Stein» 
gefüge  hineingefühlt  hatte?  Im  Kampfe  von  Stütze  und  Last  hatte  sich  der  Tempel  zum  Organismus 
belebt.  Und  in  der  Linie,  die  sich  zum  Träger  dieses  Lebens  machte,  empfand  er  die  kraftvolle  Sicher» 
heit  und  den  hymnischen  Aufschwung  einer  auserwählten  Rasse. 

Erschütternd  aber  packte  ihn  die  Gewalt  der  byzantinisch=arabischen  Architektur,  wie  sie  sich 
im  Felsendom  zu  Jerusalem  und  in  den  Moscheen  und  Mamelukengräbern  Kairos  darbot.  Hier 
zerbrach  sein  Glaube  an  die  Selbstherrlichkeit  des  Konstruktiven.  Ohne  Frage  waren  diese  Schöpfungen 
Meisterwerke  der  Konstruktion.  Aber  die  Konstruktion  wirkte  im  seligen  Schwung  dieser  Kuppeln 
wie  verhaltene  Spannung,-  sie  motivierte  die  Form,  ohne  die  Form  selbst  zu  sein.  Und  hier  trat  ihm 
die  große  Wahrheit  ins  Bewußtsein,  daß  wie  der  Zweck  so  auch  die  Konstruktion  nur  das  Skelett 
zum  Leibe  der  Schönheit  ist,  daß  der  Künstler,  ohne  beide  zu  verneinen,  doch  dann  erst  seine  Auf» 
gäbe  erfüllt,  wenn  er  die  Form  zum  Ausdruck  seiner  höchsten  Empfindungen  macht. 

Mit  dieser  Erkenntnis  verloren  seine  Gebilde  den  früher  oft  technisch=dürftigen  Charakter,  sie 
gewannen  an  Fülle  und  rundeten  sich  zu  immer  reicherer,  beglückenderer  Form. 

Im  Zusammenhange  damit  deckte  er  das  Wesen  des  Ornamentes  auf.  Bisher  war  das  Ornament 
Zutat,  Sinnbild,  wo  nicht  Aussatz  an  der  Form  gewesen.  Ihm  aber  ergab  es  sich  in  seiner  organischen 
Bedingtheit  für  die  Form.  Er  begriff,  daß  es  Gliederung,  Erläuterung  sd,  daß  es  nur  dort  eine  Daseins» 
berechtigung  habe,  wo  die  Form  ohne  seine  teilende  oder  dynamisch  wirkende  Funktion  unvollkommen 
oder  leblos  blieb.  So  verwuchs  es  ihm  mit  der  Form  selbst,  so  etwa,  wie  Auge  und  Mund  einen  Schmuck 
und  doch  einen  organischen  Bestandteil  des  Antlitzes,  das  ohne  sie  nicht  bestehen  könnte,  bilden. 

Von  den  Werken  der  ersten  Weimarer  Zeit  haben  wir  noch  die  Häuser  Leuring  in  Scheveningen 
und  Esche  in  Chemnitz  zu  nennen. 

Der  Hautarzt  Dr.  Leuring  wurde  van  de  Velde  von  dem  holländischen  Maler  Jan  Thorn=Prikker, 
der  den  Zwanzig  nahe  stand  und  schon  häufiger  in  Uccle  gewesen  war,  zugeführt.  Er  besaß  viele 
Bilder  dieses  Malers  und  hatte  auch  den  Wunsch,  daß  ein  Fresko  von  ihm  die  Halle  seines  Hauses 
schmücken  sollte.  Sein  Grundstück  lag  zwischen  der  Wagenaarstraat  und  einem  Kanal  eingeklemmt. 

37 


38 


Haus  Leuring  in  Scheveningen 
Diele 


Das  Nietzsche^Archiv  in  Weimar 

Die  Lage  war  dankbar  aber  schwierig  und  erforderte  einen  unregelmäßigen  Grundriß  von  geringer 
Tiefe.  Velde  hat  es  verstanden,  diese  Bedingungen  geschickt  zu  überwinden  und  besonders  in  der 
Hauptansicht  eine  Physiognomie  von  ernster,  fast  feierlicher  Wirkung  zu  schaffen.  Die  Kanalansichten 
wirken  bei  aller  Sachlichkeit  fast  malerisch.  Geschweifte  Linien  kehren,  besonders  im  Holzwerk  noch 
oft  wieder.  Im  Innern  überrascht  die  freie  Lagerung  der  Räume,  die  dem  Grundriß  gemäß  aufgebrochene 
Achsen  gereiht  sind,-  das  aus  mehreren  Lagen  farbigen  Stucks  geschnittene  Sgraffito=Gemälde  Thorn- 
Prikkers  beherrscht  die  quergelegte  Halle  mit  doppelt  emporgeschwungener  Treppe  in  voller  Breite,- 
auch  hier  empfindet  man  in  den  kühnen,  raumgliedernden  Schwüngen  das  spezifisch  Belgische  des  Stils, 
als  dessen  klassisches  Frühwerk  man  dieses  Haus  bezeichnen  kann. 

Im  Hause  Esche  wird  der  Wandel,  den  die  Orientreise  hervorrief,  schon  fühlbar.  Herr  Esche 
hatte  die  Einsicht,  den  Künstler  zuzuziehen,  bevor  er  den  Bauplatz  erwarb.  So  konnte  dieser  eine 
Lage  mitbestimmen,  der  für  die  Wirkung  des  Hauses  ungemein  günstig  war.  Es  liegt  hoch  und  außer^ 
halb  der  Stadt  verhältnismäßig  isoliert.  Terrassen  heben  es  aus  der  Umgebung  empor.  Auch  hier  ist 
die  Wirkung  von  ernster  Geschlossenheit.  Das  Innere  ist  weiträumig,  die  führenden  Linien  sind  wesent^ 
lieh  beruhigt,  die  Formen  vollkörperlicher.  Diesen  Fortschritt  unterstreichen  viele  Möbel,  die  noch  aus 


39 


Salon  beim  Grafen  Keßler  in  Weimar 

der  Brüsseler  Zeit  stammen,  denn  Esche  gehörte,  wie  wir  sahen,  zu  den  ersten,  die  das  Brüsseler 
Werkstätten=LInternehmen  mit  Aufträgen  unterstützten. 

Velde  lebte  nun  in  Erwartung  der  ersten  Bauaufträge  des  Großherzogs.  Die  erste  Gelegenheit 
dazu  bot  sich,  als  im  Walde  von  Webicht  ein  kleines  Restaurant  erbaut  werden  sollte.  Die  Aufgabe 
war  geringfügig  aber  nicht  ohne  Reiz.  Pläne  lagen  vor,-  der  Großherzog  lehnte  sie  ab  und  übertrug 
Velde  einen  neuen  Entwurf.  Als  dieser  ihn  vorlegte,  traten  die  Baubeamten,  die  sich  verärgert  fühlten, 
in  die  Kritik  ein,  und  ihrem  Einfluß  gelang  es,  den  Landtag  zur  Versagung  der  Baumittel  zu  bestimmen. 
Der  Fall  war  nun  gegeben,  daß  der  Großherzog  seine  Kulturpolitik  dem  Lande  gegenüber  hätte 
vertreten  müssen.  Nichts  dergleichen  geschah,-  er  ließ  es  bei  der  Ablehnung  bewenden  und  untergrub 
damit  selbst  die  Stellung  des  Künstlers,  den  er  zu  seinem  Berater  gemacht  hatte. 

Leider  sollte  sich  der  Fall  sehr  bald  an  einem  Objekt  von  größerer  Bedeutung  wiederholen.  Das 
alte  Weimarer  Hoftheater,  die  klassische  Stätte,  die  Goethes  und  Schillers  erste  Triumphe  erlebt  hatte, 
sollte  erneuert  werden.  Ob  es  nicht  glücklicher  gewesen  wäre,  dieses  nationale  Pantheon  zu  erhalten 
und  den  Neubau  an  anderer  Stelle  zu  errichten,  war  eine  Frage,  die  man  nach  langer  Prüfung  glaubte 
verneinen  zu  sollen.  Jedenfalls  lagen,  als  Velde  nach  Weimar  kam,  schon  Pläne  für  den  Neubau  an 
der  alten  Stelle  vor,  die  die  Wiener  Theaterbau^Firma  Fellner  'S)  Helmer  entworfen  hatte. 

Vielleicht  kam  die  Frage  erneut  ins  Rollen  durch  ein  Projekt,  mit  dem  die  bekannte  Schauspielerin 
Luise  Dumont  1903  hervortrat.  Sie  plante  ein  deutsches  Nationaltheater,  das  nach  dem  Muster  von 


40 


Aus  der  Wohnung  des  Grafen  Keßler  in  Weimar 


41 


Aus  der  Wohnung  des  Grafen  Keßler  in  Weimar 

Bayreuth  das  deutsche  Schauspiel  in  festlichen  Sommerveranstaltungen  pflegen  sollte.  Als  Ort  konnte 
nur  Weimar  in  Frage  kommen.  Ein  schöner  Platz  an  der  Belvedere= Allee  wurde  ins  Auge  gefaßt 
und  Velde  mit  dem  Projekt  betraut.  Er  bearbeitete  es  mit  dem  finnischen  Architekten  Frosterus,  der 
damals,  vor  seinem  reformatorischen  Auftreten  in  Helsingfors,  in  Veldes  Atelier  tätig  war.  Das 
Projekt  sah  ein  Amphitheater  vor,  durch  fürstliche  Logen  unterbrochen  und  belebt.  Die  Treppen 
liefen  in  zwei  Pylonen  empor,  die  den  Eingang  flankierten  und  im  oberen  Stockwerk  das  Foyer  als 
graziöse  Eisenkonstruktion  zwischen  sich  nahmen.  Das  Geld  war  beisammen,-  Frau  Dumont  stellte 
im  Namen  der  Aktionäre  nur  die  Bedingung,  daß  der  Platz  vom  Großherzog  geschenkt  werde.  Hier^ 
gegen  setzte  in  Weimar  eine  ebenso  stille  wie  hartnäckige  Opposition  ein,-  man  hielt  es  vielleicht  für 
besser,  das  Wasser  dieses  Gedankens  auf  die  Hoftheatermühle  zu  leiten,  die  immer  noch  nicht  recht 
in  Schwung  kommen  wollte.  Kurz,  man  schleppte  die  Angelegenheit  hin,  bis  Frau  Dumont  die  Geduld 
verlor  und  nach  Düsseldorf  ging,  um  hier,  dem  Druck  lokaler  Geldgeber  weichend,  auch  das  Projekt 
den  „bewährten"  Händen  des  Theaterarchitekten  Sehring  anzuvertrauen. 

So  bitter  diese  neue  Enttäuschung  für  den  Künstler  war,  so  wäre  sie  zu  verschmerzen  gewesen, 
wenn  der  Großherzog  ihm  nun,  wozu  er  nach  allem  verpflichtet  schien,  den  Bau  des  neuen  Hof= 
theaters  übertragen  hätte.  Allein  es  erwies  sich  leider,  daß  dieser  Fürst  der  Rolle,  die  er  sich  ein^ 
geredet  hatte,  keineswegs  gewachsen  war.  Er  begann  damit,  Velde  die  Entwürfe  von  Fellner r&) Helmer 

42 


Speisezimmer  des  Grafen  Keßler  in  Weimar 


6« 


43 


Arbeitszimmer  des  Grafen  Keßler  in  Weimar 


zur  Begutachtung  zu  übergeben.  Daß  diese  verurteilend  ausfallen  mußte,  ergab  sich  schon  aus  dem 
Umstände,  daß  sie  zehn  Jahre  alt  waren  und  die  Technik  des  Theaterbaues  sich  inzwischen  wesent- 
lich geändert  hatte.  Das  Gutachten  schlug  denn  auch  durch.  Aber  die  Intendanz,  die  sich  offenbar 
gekränkt  fühlte,  verhinderte  die  Übertragung  des  neuen  Rntwurfes  an  Velde,  die  der  Großherzog 
infolge  seiner  Besprechungen  schon  beschlossen  hatte.  Rs  ging  wie  mit  dem  Restaurant  in  Webicht. 
Der  überzeugungslose  Herrscher  ließ  es  geschehen,  daß  das  Projekt  an  Littmann  vergeben  wurde, 
dessen  frühere  Theaterbauten  kaum  mehr  versprachen,  als  er  in  Weimar  gehalten  hat. 

Für  Velde  war  diese  dritte  Enttäuschung  um  so  schmerzlicher,  als  er  sich  inzwischen  mit  dem 
Problem  des  Theaterbaues  sehr  eingehend  befaßt  hatte  und  nun  wohl  für  den  ideenreichsten  und 
zugleich  unterrichtetsten  Fachmann  auf  diesem  Gebiete  halten  durfte.  Schon  das  Vertrauen  der  Dumont 
legitimierte  ihn.  Aber  die  Reihe  von  Gipsmodellen,  die  lange  in  seinem  Atelier  standen,  lockten  auch 
Fachleute  ersten  Ranges,  unter  ihnen  Edgar  Gordon  Craig,  nach  Weimar,  und  es  ist  keiner  ohne  das 
tiefste  Bedauern  darüber  geschieden,  daß  die  Ausführung  dieser  Meisterwerke  in  einem  Lande,  das 
jährlich  mehrere  Theater  entstehen  sah,  schlechthin  ausgeschlossen  war. 

Der  Haupteinwand  gegen  seine  Projekte  war  wohl  der,  daß  er  —  wie  alle  großen  Theaterarchi^ 
tekten  vor  ihm  —  das  Amphitheater  als  die  Normalform  des  Schauraumes  betrachtete.  Das  Publikum 
kann  sich  von  dem  optisch  wie  akustisch  gleich  verfehlten  Rangtheater  nicht  trennen,  was  aber  unseres 

44 


Arbeitszimmer  des  Grafen  Keßler  in  Weimar 

Rrachtens  mehr  auf  Denkfaulheit  als  auf  gegründeter  Überzeugung  beruht.  Immerhinwäre  der  Wider= 
stand  bei  einem  Hoftheater,  das  mehr  oder  weniger  als  gesellschaftliches  Vergnügungsetablissement 
betrachtet  wird,  am  ehesten  verständlich  gewesen.  Aber  ganz  abgesehen  davon,  daß  Velde  sich  in 
Weimar  genau  so  wie  später  in  Paris  zur  Gestaltung  eines  reinen  Rangtheaters  verstanden  hätte, 
lag  der  Wert  seiner  Projekte  gerade  darin,  daß  sie  die  Vorzüge  beider  Systeme  verbanden.  Sein  bester 
Entwurf  zeigte  ein  Amphitheater,  dessen  ansteigende  Sitzreihen  von  drei  Logenzügen  unterbrochen 
waren.  So  kam  die  Gesellschaft  auf  ihre  Rechnung,  und  es  war  der  weitere  Vorteil  gewonnen,  daß 
man  intimer  saß.  Denn  die  freie  Übersicht  über  ein  großes  Publikum,  die  bei  der  griechischen  Tragödie 
ein  Vorzug  war,  ist  dem  Geiste  des  modernen  psychologischen  Dramas  zuwider.  In  Veldes  Projekt 
aber  hätten  nur  je  ein  Drittel  der  Zuschauerschaft  optische  Beziehungen  zueinander  gehabt.  Man 
sieht,  der  Künstler  war  weit  entfernt  davon,  das  Theaterproblem  als  ein  kunstgewerbliches  aufzufassen. 
Sein  immer  in  die  Tiefe  grabender  Geist  faßte  das  Übel  bei  der  Wurzel.  Daß  aber  das  Weimarer 
Haus,  von  ihm  erbaut,  nicht  nur  in  bezug  auf  die  Gesamtkonzeption  eine  neue  Ära  des  Theater- 
baues eröffnet  hätte,  sondern  bis  in  die  kleinsten  Details  ein  Meisterwerk  des  neuen  Stils  geworden 
wäre,  ist  ein  Gesichtspunkt,  der  die  Untreue  des  Fürsten  doppelt  beklagenswert  macht.  Velde,  der 
einsehen  mußte,  daß  man  ihn  am  Narrenseil  hielt,  stellte  die  Kabinettsfrage ,•  man  bewies  ihm  aber, 
daß  in  seinem  Anstellungsvertrage  keine  Verpflichtung  des  Großherzogs  festgelegt  war.  Die  Kabinetts^ 
Weisheit  hatte  sich  wieder  einmal  bewährt. 


45 


Kunstschule  in  Weimar 


46 


Inzwischen  aber  hielt  man  andere  Projekte  in  Bereitschaft,  die  den  gerechten  Unwillen  des  Künstlers 
beschwichtigen  sollten.  Insbesondere  stand  der  Umbau  des  Museums  am  Karlsplatz  in  Frage.  Hier 
herrschte  Keßler,  und  es  war  wenigstens  in  diesem  Falle  nicht  mit  der  Renitenz  der  Ressortbeamten 
zu  rechnen.  Bedingung  war,  daß  eine  venetianische  Fassade,  die  der  Hofmarschall  v.  Palezieux 
persönlich  in  Venedig  gekauft  hatte,  an  ihrer  Stelle  erhalten  blieb.  Velde  sah  also  einen  Hof  vor,  der 
sie  im  Hintergrunde  beließ,  auf  den  Seiten  von  Flügelbauten  begrenzt  und  gegen  die  Straße  durdi 
eine  Verbindungswand  abgesdilossen  wurde,  gegen  die  sich  innen  nur  Gänge  und  seitlich  Treppen 
legten.  Der  rückwärts  gelegene  Hauptbau  sollte  unten  Ausstellungsräume  enthalten  und  oben  die 
Sammlungen  aufnehmen.  Dieses  Projekt,  schon  vor  der  Theaterangelegenheit  bearbeitet,  ruhte  in  den 
Schößern  des  Ministeriums,  tauchte  aber  von  Zeit  zu  Zeit  wieder  auf,  um  bis  zur  Feststellung  des 
Geldmangels  die  Hoffnungen  auf  seine  Ausführung  lebendig  zu  erhalten. 

Ein  Projekt,  auf  das  Velde  die  größten  Erwartungen  setzte,  gelangte  nun  aber  wirklich  zur  Durchs 
führung.  Das  war  die  Schule,  die  im  Zusammenhang  mit  der  gesamten  Kunstpolitik  im  Großherzog = 
tum  schon  bei  seiner  Berufung  ins  Auge  gefaßt  war.  Sie  sollte  dazu  bestimmt  sein,  den  künstlerischen 
Nachwuchs  zu  erziehen.  Zum  Unterschied  von  anderen  Kunstgewerbeschulen  wählte  Velde  ganz 
vorwiegend  den  Werkstättenbetrieb.  Auf  eine  Aktklasse  konnte  er  um  so  leichter  verzichten,  als  die 
„Kunstschule"  (Akademie)  diesem  Bedürfnis  bereits  genügte.  Auch  die  Zeichenkurse  stellte  er  ganz 
auf  die  Entwicklung  des  Neuen  Stils  ein.  Aus  Blumen  und  Schmetterlingen  ließ  er  Motive  ableiten 
und  unter  Beachtung  der  Farbenqualität  und  =quantität  zu  Mustern  verarbeiten.  Dies  geschah, 
um  das  Rapportgefühl  zu  wecken,  gleich  auf  karriertem  Papier.  Eine  Bedingung  war  es  auch,  daß 
jeder  Schüler  das  Modellieren  erlernen  mußte.  Nur  so  konnte  er  sich  die  Beherrschung  der  dritten 
Dimension  zu  eigen  und  dem  Handwerker  verständlich  machen.  Nach  diesen  vorbereitenden  Kursen 
erfolgte,  wenn  irgend  möglich,  seine  Versetzung  in  eine  der  Werkstätten.  Eingerichtet  wurden  eine 
Gießerei,  eine  Treibe  und  Ziselierwerkstatt,  eine  Teppichknüpferei  und  Weberei,  eine  Batikwerkstatt, 
eine  Buchbinderei,  eine  Töpferei  sowie  Werkstätten  für  Email  und  Schmuck.  Hier  wurde  besonders 
auf  das  Tempo  der  Arbeit  W'ert  gelegt,  damit  der  Schüler  den  Wert  der  Zeit  begreifen  lernte.  Natura 
lieh  beruhte  das  ganze  System  auf  der  Möglichkeit,  die  Erzeugnisse  der  Werkstätten  zu  verkaufen, 
sowie  Aufträge  seitens  der  Schulleitung  zur  Ausführung  anzunehmen.  Diese  Maßnahme,  die  vieler- 
orten  noch  immer  unbegreiflichen  Widerständen  begegnet,  war  in  Weimar  von  Anbeginn  durchgeführt. 

An  der  Schule  lehrten  als  Werkmeister  der  Binder  Dörfner,  der  Schmuckkünstler  Feinhauer 
und  der  Bildhauer  Winczki,  der  sich  später  als  Keramiker  am  Rhein  niederließ.  Unter  den  Schülern 
sind  später  hervorgetreten  Erica  Hauptmann=von  Scheel  mit  Batiks,  Else  von  Guaita  als  Binderin, 
Sissi  Brentano  mit  päte^sur=päte=Steinzeug,  Dorothea  Seligmüller  mit  Ornamenten  und  Stoffen, 
Dorothea  Wibiral  mit  Emailschmuck  und  Thilo  Schoder  als  Architekt  mit  vielseitiger  Begabung. 

Der  allgemeinen  Ausbildung  der  Schüler  dienten  sodann  kunstgeschichtliche  und  Volkswirtschaft^ 
liehe  Kurse.  Unter  diesen  fanden  archäologische  Vorträge  von  Botho  Graef,  der  von  Jena  herüber= 
kam,  besonderen  Anklang. 

Die  Methoden  der  Anstalt,  von  1905  an  ausgebildet,  haben  später  vielfach  Anerkennung  und 
Nachahmung  gefunden.  Insbesondere  ist  das  Werkstättensystem  heute  weitgehend  anerkannt,-  die 
Ornamententwicklung,  von  Deneken  in  der  Farbenschau  der  Kölner  Werkbundausstellung  1914 
gezeigt,  erregte  dort  großes  Interesse,  und  im  selben  Jahre  errang  die  Binderklasse  auf  der  Leipziger 
Buchgewerbe^Ausstellung  die  höchste  Auszeichnung. 

Aber  nicht  nur  innere  Leitung  und  Geist  der  Schule  bestimmte  van  de  Velde,-  auch  das  Gebäude 
sollte  der  sichtbare  Ausdruck  seines  künstlerischen  Willens  werden.  Der  Großherzog  stellte  hierzu 

47 


48 


Kunstgewerbesdiule  in  Weimar 
Oben  das  Atelier  des  Künstlers 


Museumshalle  in  der  Deutschen  Kunstgewerbe^  Ausstellung  Dresden  1906 


ein  Grundstück  zur  Verfügung,  das  dem  Gelände  der  Kunstschule  gegenüberlag.  Da  eine  Erweite= 
rung  auch  dieser  Anstalt  in  Frage  stand  und  zwar  gerade  an  der  Steile,  die  der  Kunstgewerbeschule 
zunächst  lag,  konnte  Velde  eine  Art  Platz  schaffen,  den  ausschließlich  seine  Bauten  begrenzten.  Er 
legte  die  Kunstgewerbeschule  im  rechten  Winkel  um  diesen  Platz,  den  er  als  Garten  ausbildete,  herum, 
den  neuen  Flügel  der  Kunstschule,  jenseits  der  Straße,  auf  eine  dritte  Seite.  In  Anbetracht  der  knappen 
Mittel,  die  ihm  zur  Verfügung  standen,  konnte  die  Durchbildung  nur  schlicht  sein,-  er  beschränkte  sich 
auf  gute  Verhältnisse,  ein  ausdrucksvolles  Dach  und  ansprechende  Gruppierung  der  Fenster.  Auch 
im  Innern  waren  gute  Raumformen  der  einzige  Luxus,-  der  Eindruck  war  steinern,  ein  Protest  gcg&n 
jede  Koketterie.  In  einer  Erweiterung  des  oberen  Korridors,  nahe  der  Treppe,  fand  man  ständig 
Arbeiten  der  Schüler  ausgestellt.  Besucher  wurden  in  den  Werkstätten  sehr  persönlich  empfangen  und 
erhielten  den  Eindruck  einer  von  hohem,  sozialem  Geist  getragenen  Arbeit.  Niemand  konnte  sich 
der  Wahrnehmung  eines  überlegenen  Genius,  der  die  Hände  jedes  Einzelnen  lenkte,  entziehen. 

Am  stattlichsten  wirkte  das  Atelier  des  Meisters  selbst,  ein  geräumiger  Saal,  der  mehreren  Zeichen^ 
tischen  von  drei  Wänden  aus  Licht  zuströmen  ließ.  Kunstwerke,  Modelle  und  Materialproben  jeder 
Art  schufen  ein  farbiges,  aber  von  strenger  Ordnung  zeugendes  Bild.  Im  Anschluß  daran  betrat  man 
die  Architekturateliers,  in  denen  man  der  hohen  Figur  des  still  und  bedächtig  schaffenden  schwedischen 

7  49 


Chemnitz.  Eingang  zum  Tennis=Klubhaus 


Architekten  Westberg  gern  begegnete.  Diese  Abteilung  war  nicbt  nur  das  Gehirn  der  Anstalt,  sie  blieb 
fast  ein  Jahrzehnt  hindurch  ein  Treffpunkt  der  vornehmsten  Geister  Europas.  Künstler  und  Gelehrte 
gingen  hier  ein  und  aus,  niemand  verließ  sie  ohne  ein  Gefühl  der  Bezauberung,  die  von  der  liebenswürdigen 
und  geistsprühenden  Natur  des  Meisters,  von  der  feierlichen  Größe  seiner  Gestaltungen  ausging. 

Mit  der  Schule  wurde  nach  ihrer  Fertigstellung  ein  kunstgewerbliches  Seminar  verbunden,  das 
Velde  schon  früher  begründet  hatte.  Hier  konnten  die  angestellten  Zeichner  gewerblicher  Betriebe  unter 
Anleitung  Entwürfe  und  Modelle  herstellen,  die  unmittelbar  für  die  Praxis  bestimmt  waren.  Der 
Einfluß  von  Schule  und  Seminar  auf  das  Gewerbe  im  Großherzogtum  erwies  sich  bald.  Die  Töpfe = 
reien  von  Bürgel  wurden  reformiert,  die  Korbmöbel  =  Werkstätten  in  Tannroda  neu  begründet,  in 
Berka  führte  man  eine  Zeitlang  Beleuchtungskörper  aus.  Scheidemantel  stellte  seine  Möbelfabrik  auf 
van  de  Velde  ein,  Theodor  Müller  seine  Juwelierwerkstatt,  Schmid  führte  Kachelöfen  und  Pfannstil 
Lederarbeiten  nach  seinen  Entwürfen  aus. 

Für  das  Großherzogtum  bedeutete  diese  Wandlung  eine  nicht  unerhebliche  Steigerung  seiner  Ein= 

50 


Das  Tennis^KIubhaus  zu  Chemnitz 


51 


Bar  im  Tennis=Klubhaus  zu  Chemnitz 


nahmequellen.  Velde  selbst  konnte  den  Betrieben  anläßlieb  seiner  zahlreichen  Neubauten  in  den  nächsten 
Jahren  erhebliche  Aufträge  überweisen.  Wir  nennen  an  dieser  Stelle  nur  den  Umbau  des  Hauses 
Schede  bei  Wetter  an  der  Ruhr  von  1904,  der  durch  die  taktvolle  Kinpassung  in  eine  schöne  Bieder^ 
meier-Architektur  überrascht  und  planmäßig  auf  die  Beschäftigung  der  eben  genannten  Firmen 
begründet  war.  Der  Besitzer  dieses  schönen,  altwestfälischen  Gutshofes,  Herr  Hermann  Harkort, 
war  der  erste  Großindustrielle  des  Westens,  der  überzeugt  und  entschlossen  zur  modernen  Bewegung 
übertrat.  Wir  verdanken  ihm  außer  dem  Scheder  Umbau  das  bereits  erwähnte  Privatkontor  von 
Velde  und  ein  sehr  schönes  Turbinenhaus  von  Bruno  Taut.  Es  gehört  zu  den  tragischen  Hemmungen 
der  Bewegung,  daß  ihr  gerade  dieser  Mann  durch  einen  frühen  Tod  entrissen  wurde. 

Den  erstenhöchst  eindrucksvollen  Gesamtniederschlag  fand  die  Weimarer  Kunstpolitik  in  der  Dres= 
dener  Kunstgewerbeausstellung  von  1906.  Diese  Ausstellung  bedeutet  bekanntlich  einen  Markstein 
in  der  Entwicklung  des  modernen  Kunstgewerbes  überhaupt.  Sic  zeigte,  daß  die  Ideen,  deren  erster 
Präger  van  de  Velde  war,  einen  breiten  Boden  in  der  deutschen  Künstlerschaft  und  teilweise  auch  schon 
im  deutschen  Gewerbe  gefunden  hatten.  Die  Veranstaltung  ist  an  Umfang,  aber  nicht  an  ideeller  Kraft 

51 


Aufgang  ins  Tennis=Klubhaus  zu  Chemnitz 


und  Ernst  der  Gesinnung  von  der  späteren  Kölner  Werkbundausstellung  übertroffen  worden.  Alle 
führenden  Künstler,  nur  leider  unter  Ausschluß  der  Wiener,  waren  mit  einer  ihrer  Bedeutung  entspre^ 
chenden  Zahl  von  Räumen  bedacht  worden.  Die  geschäftstüchtigen  Mitläufer  drängten  sich  noch  nicht 
in  dem  Maße  hervor,  wie  dies  später  in  Köln  der  Fall  war.  Velde,  der  ja  auch  in  Dresden  seine  ersten 
deutschen  Lorbeeren  empfangen  hatte,  wurde  wiederum  ein  großer  OberIicht=Durchgangsraum  mit 
anhängenden  Zimmern  überwiesen.  Außerdem  sollte  er  in  der  Industrieabteilung,  die  nach  Bezirken 
abgeteilt  war,  den  Weimarer  Raum  gestalten.  Er  wählte  für  den  Oberlichtraum  die  Idee  einer  zentral 
gedachten  Museumshalle.  Dieser  Raum  sollte  als  für  Weimar  bestimmt  erscheinen,  doch  nicht  für  das 
Museum  am  Karlsplatz,  sondern  für  ein  ganz  neues  Gebäude,  für  das  weder  Platz  noch  Entwürfe 
bisher  festgelegt  waren.  Die  Gestalt  des  Raumes  war  also  an  keine  Vorbedingungen  gebunden,  außer 
denen,  die  die  Ausstellung  selbst  auferlegte.  Velde  wählte,  um  das  Gegenüber  von  je  zwei  Türen  zu 
vermeiden,  die  Form  eines  Sechsecks,  das  sich  oberhalb  der  Türen  und  der  dem  ursprünglichen  Vier^ 
eck  abgewonnenen  Nischen  zur  reinen  Form  klärte.  Hier  umfaßten  mächtige  Stuckrahmen  sechs  Wand= 
gemälde,  die  Ludwig  von  Hofmann,  erst  kürzlidi  von  Olde  nach  Weimar  berufen,  beigesteuert  hatte. 
Sie  zeigten  jene  lyrisch  gestimmten  Akte  in  grüner,  paradiesischer  Landsdiaft,  die  für  Hofmann  charak= 
teristisch  sind.  Der  Künstler  hatte,  ohne  den  Gegenstand  zu  opfern,  eine  reiche,  schmückende  Wirkung 

53 


Hagen.  Hohenhof,  Eingang 

erreicht.  Der  Umstand,  daß  es  sich  nicht  um  Fresken,  also  der  Wand  festverbundene  Gemälde,  sondern 
um  transportable  Leinwände  handelte,  bestimmte  Velde,  sie  nicht  als  eingebettet,  sondern  als  vorgesetzt 
erscheinen  zu  lassen.  So  erklärte  sich  das  gewaltige  Vorschwellen  der  von  Marmorpfeilern  gestützten 
Stuckrahmen,  das  von  der  Kritik  völlig  mißverstanden  wurde.  Beleuchtungskörper  aus  Messing 
belebten  und  gliederten  die  Stuckpfeiler ,■  ein  schön  geteiltes,  mit  Rücksicht  auf  die  Bilder  farbloses 
Oberlicht  deckte  das  Ganze. 

Durch  eine  der  Mitteltüren  fiel  der  Blick  in  einen  Salon,  der  uns  als  der  poesievollste  Raum 
aus  Veldes  ganzem  Schaffen  in  Erinnerung  steht.  Poliertes  Zitronenholz,  ein  Fries  eingelassener 
Bilder  von  Maurice  Denis  in  Blau,  Grün,  und  Rosa,  ein  Kamin  aus  hellbraunem  Marmor,  viel  Messing 
und  weißer  Stuck  schufen  einen  Klang,  in  den  als  einzige  dunkle  Note  die  Bronzefigur  einer  Knieenden 
vonMaillol  einstimmte.  Es  war  eine  Stimmung  von  weichem,  elysischemReiz.  Der  die  Figur  tragende 
Kamin  stand  der  Tür  gegenüber,  beide  bezogen  die  Hälften  des  Raumes  in  strenger  Symmetrie  auf 
sich.  Stuck,  Holz  und  Messing  spielten  in  einer  Weise,  die  Veldes  neoimpressionistische  Vergangen^ 
heit  in  die  Erinnerung  rief,  sehr  eigentümlich  ineinander.  Auch  dieser  Raum  war  in  Dresden  von  oben 
beleuchtet,  doch  fiel  dies  Licht  später,  in  der  Wohnung  des  Bestellers,  des  Hoftheaterintendanten  Frei= 
herrn  von  Mutzenbecher  in  Wiesbaden,  von  der  Seite  ein. 

Es  war  amüsant,  den  Eindruck  gerade  dieses  Raumes  auf  die  Besucher  zu  beobachten.  „Nee, 
det  is  nischt  vor  Unsereinen"  meinte  eine  dicke  Berlinerin  nach  einem  mißbilligenden  Blick  durch  die 
Lorgnette,-  ein  höherer  Offizier  nahm  es  mit  der  Prüfung  genauer  und  urteilte  schließlich  nicht  ohne 

54 


Der  Hohenhof  zu  Hagen 


Respekt:  „Etwas  für  exklusive  Leute."  Zwei  hübsche  Landkinder  aber  verklärten  sich  wie  im  An= 
blick  eines  Märchens  und  riefen  im  ersten  Anschaun:  „Wie  scheen!"  Es  zeigte  sich  wieder  einmal, 
daß  der  unverbildete  Geschmack  des  Dörflers  echter  Schönheit  gegenüber  weniger  hilflos  ist  als  die 
mit  Ästhetik  überfütterte  Großstadtseele. 

Ein  Speisezimmer,  das  gegenüber  am  Durchgang  zum  Hagener  Raum  lag,  zeigte  zum  ersten  Male 
an  hellgelacktem  Buffett  das  Motiv  drehbarer  Schränke.  Im  übrigen  ließen  gerade  diese  Möbel  das  neue 
Streben  nach  schöner,  gerundeter  Form  —  im  Gegensatz  zur  früheren  gerüstmäßigen  —  deutlich  hervor- 
treten. Der  runde  Tisch  war  gedeckt  mit  einem  von  Velde  für  die  Meißner  Manufaktur  entworfenen 
Service  sowie  silbernen  Sektkelchen  und  Bestecken  aus  der  Werkstätte  von  Theodor  Müller.  Die 
elegante  Schönheit  dieses  Raumes  gewann  dem  Künstler  einen  neuen  Freund,  Herrn  Paul  Schulen^ 
bürg  in  Gera,  der  ihn  kaufte  und  nach  einigen  Jahren  mit  einer  Villa  umbauen  ließ. 

Der  vierte  Raum,  der  die  Weimarer  Industrieerzeugnisse  umfaßte,  wurde  leider  wenig  beachtet, 
weil  er  etwas  abgesondert  im  allgemeinen  Kunstgewerbe=Gebäude  lag.  Aber  er  stand  als  Schöpfung 
der  Raumkunst  hinter  den  andern  drei  Räumen  nicht  zurück.  Zum  einzigen  Male  vielleicht  hat  der 
Künstler  hier  Gelegenheit  gehabt,  eine  sichtbare  Eisenkonstruktion  zu  formen,  und,  von  Endells  viel 
späteren  Tribünen  in  der  Berliner  Trabrennbahn  abgesehen,  ist  es  vielleicht  das  einzige  Mal  gewesen, 

55 


56 


Hagen.  Hohenhof 
Gärtnerhaus  und  Taubenschlag 


Der  Hohenhof  von  Osten 


Der  Hohenhof  von  Südosten 


57 


58 


Hagen.  Hohenhof,  Haupteingang 
Reliefs  von  Hermann  HaKer 


Ausblick  vom  Hohenhof  auf  die  Nachbarhäuser  von  Peter  Behrens 


59 


daß  eine  solche  Lösung  künstlerisch  wirklich  gelang.  Es  ging  von  den  vier  Stützen,  die  das  Oberlicht 
trugen,  und  ihrem  graziösen  Stabwerk  wie  ein  feines  Klingen  silberner  Glöckchen  durch  den  Raum. 
So  sehr  war  alle  Schwere  überwunden.  Um  eine  Stufe  erhöht  reihten  sich  an  den  Wänden  Möbel 
von  Scheidemantel,  Korbstühle  aus  Tannroda  und  Flügel  von  Römhild,  in  mittleren  Flachvitrinen 


Der  Hohenhof  von  Nordwesten 


lagen  Arbeiten  aus  Elfenbein  und  Meerschaum,  Batikschals,  Fächer,  Schmucksachen  und  Silberbestecke. 
Es  war  zum  ersten  Male  die  gesamte  Wirksamkeit  des  Künstlers  in  Weimar  zur  Anschauung  gebracht, 
und  die  Ergebnisse  überraschten  nicht  nur  durch  die  hohe  Qualität  der  Ausführung  im  einzelnen, 
sondern  auch  durch  die  bewußte,  moderne  Formensprache,  die  ihnen  allen  eigentümlich  war. 

60 


Während  sich  die  gesamte  Kritik  diesen  Leistungen  gegenüber  ablehnend  und  teilweise  gar  feind= 
lidi  verhielt,  führten  gerade  sie  den  Verfasser  aufs  neue  zu  gemeinsamer  Arbeit  mit  dem  Künstler 
zusammen.  Er  plante  den  Bau  eines  größeren  Wohnhauses  und  war  mit  der  Absicht  nach  Dresden 
gefahren,  den  fähigsten  Künstler  auszuwählen,  um  auch  diese  Arbeit  der  neuen  Bewegung  so  gut 
wie  möglidi  dienstbar  zu  machen.  Velde  zum  zweitenmal  heranzuziehen,  lag  keineswegs  in  seiner 
Absicht,  da  er  ihn  in  Hagen  genügend  vertreten  glaubte  und  seinen  frühen  Arbeiten  im  Museum 
keineswegs  kritiklos  gegenüberstand.  Er  hoffte  vielmehr,  durdi  die  Wahl  eines  anderen  Künstlers  das 
Leben  in  seiner  Heimat  vielseitiger  befruchten  zu  können.  Die  für  ihn  augenfällige  Überlegenheit  seiner 
Arbeiten  und  die  fortgeschrittene  Reife,  die  sich  in  ihnen  kundgab,  bestimmten  ihn  aber,  alle  Bedenken 
beiseite  zu  setzen  und  Velde  den  Bau  zu  übertragen. 

Die  Eigenart  der  neuen  Aufgabe  rechtfertigt  wohl  eine  Einschaltung  grundsätzlicher  Natur.  Mit 
dem  Verfall  unserer  Architektur  war  ein  solcher  des  Städtebaus  unlöslich  verbunden.  Die  künstlerisdie 


& 


■ 


Hohenhof 
Brunnen  im  versenkten  Garten 


Bildung  der  Tief bau=Architekten,  denen  er  anvertraut  war,  stand  auf  der  untersten  Stufe,-  man  mußte 
um  jene  Zeit  schon  zufrieden  sein,  wenn  ein  Bebauungsplan  nicht  aus  den  gröbsten  Verstößen  gegen 
die  Anforderungen  des  Verkehrs  und  der  Entwässerung  bestand.  Achsen  und  Zielpunkte  im  Stadt= 
bilde  festzulegen,  war  der  schüditerne  Wunsch  einiger  Theoretiker,  wo  beide  angebracht  waren,  hatte 
aber  auch  ihnen  noch  kein  Gott  entschleiert.  Gelangten  ihre  Ideen  wirklich  einmal  zur  Ausführung, 
so  konnte  man  sicher  sein,  daß  die  Bebauung  der  Anlage  in  der  absurdesten  Weise  widersprach.  Jede 
Idee  war  von  vornherein  verurteilt,  an  der  Begrifflosigkeit  und  Habsucht  der  Grundeigentümer 
zu  scheitern. 

Unter  solchen  Umständen  konnte  von  einem  guten  Bauwerk  auch  dann  keine  Wirkung  erwartet 
werden,  wenn  es  wirklich  einmal  zustande  kam.  Denn  die  größere  Hälfte  eines  architektonischen  Ein= 
drucks  beruht  auf  Anlage  und  Proportion.  Diese  aber  waren  auf  keine  Weise  im  Straßenbilde  fest= 

61 


62 


Hohenhof 

Halle 


Hohenhof 
Raum  an  der  Halle  mit  dem  „Auserwählten"  von  Ferdinand  Hodler 


63 


Hohenhof 
Aufgang  in  der  Halle 


zustellen.  Wollte  man  seiner  Wirkung  sicher  sein,  so  mußte  man  auch  dieses  selbst  gestalten  können. 
Einsichtige  Architekten  begannen  denn  auch,  auf  die  Gesamtplanung  ganzer  Siedelungen  hinzuarbeiten, 
und  an  diesen  Versuchen  entwickelte  sich  allmählich  der  Sinn  für  die  Gegenseitigkeitsverhältnisse  in 
der  Architektur.  Zur  Ausführung  allerdings  gelangten  auch  diese  Versuche  nur  in  den  seltensten 
Fällen.  Nach  dem  ersten  grundsätzlichen  Vorstoß  in  Darmstadt<1901>erregte  eigentlich  nurDresden= 
Hellerau  einige  Hoffnungen.  Im  Industriebezirk  wehrte  man  sich  gegen  derartige  Unternehmungen 
überhaupt.  Man  schätzte  es  dort  nicht,  wenn  über  öffentliche  Fragen  anders  als  wirtschaftlich  spekulativ 
gedacht  wurde. 

64 


Hohenhof 

Vorraum  im  Obergeschoß 


65 


Hohenhof 

Arbeitszimmer 


Um  so  wichtiger  erschien  es  dem  Verfasser,  seine  Bauabsichten  auch  städtebaulich  in  einer  Ge= 
sinnung  durchzuführen,  die  Weisungen  für  die  Zukunft  enthielt.  Er  entschloß  sich,  sein  Haus  zum 
Mittelpunkt  einer  ganzen  Kolonie  zu  machen  und  diese  durch  den  Ankauf  eines  umfangreichen  Ge= 
ländes  in  ihrer  Erscheinung  sicherzustellen.  Die  Mittel,  die  dazu  gewählt  wurden,  gehören  nicht  in 
diesen  Zusammenhang,-  genug,  daß  Velde  sich  vor  die  Aufgabe  gestellt  sah,  ein  Haus  zu  entwerfen, 
dessen  nähere  Umgebung  ebenfalls  seiner  Gestaltung  vorbehalten  blieb. 

Die  Kolonie,  die  den  Namen  Hohenhagen  erhielt,  umfaßte  ein  Areal  von  etwa  80  Morgen  in 
landschaftlich  herrlicher  Lage.  Das  Gelände  erstreckte  sich  über  eine  mit  Wäldern  bestandene  Hoch= 
ebene,  um  dann  steil  zu  einer  Talsohle  abzufallen,  die  den  Namen  Donnerkuhle  führt.  Sein  schönster 
Vorzug  lag  in  einer  völligen  Entlegenheit  von  der  Stadt,  mit  der  es  aber  eine  Straßenbahn  verband. 
Der  Reichtum  an  Ausblicken  war  so  groß  wie  die  Gelegenheit,  Einzelhäuser  und  Gruppen  land= 
schaftlich  herauszuarbeiten. 

Unter  den  Bauplätzen,  die  für  das  Haus  dts  Verfassers  in  Betracht  kamen,  war  einer,  der  die 
Höhenkante  nach  der  Donnerkuhle  krönte  und  den  eine  zwischen  Waldstücken  hängende  Wiese  sehr 
wirkungsvoll  für  den  Blick  vom  Tale  erschloß.  Der  Künstler,  nach  Hagen  gerufen,  billigte  ihn  und 
faßte  zugleich  diesen  Blick  als  den  Träger  der  Hauptachse  ins  Auge.    Er  entwarf  in  Gedanken  die 

66 


Hohenhof 

Ausblick  aus  dem  Arbeitszimmer  in  den  Garten 

Steinfigur  „Serenite"  von  Aristide  Maillol 

Fassade  als  eine  breitgelagerte,  von  ausdrucksvoller,  gebrochener  Dachlinie  abgeschlossene  Wand. 
So  liegt  das  Haus  heute  zwischen  bewaldeten  Erhebungen,  hoch  über  der  Wiese  und  dem  Tale,  auf 
breiter  umbuschter  Terrasse. 

Aber  die  Rücksicht  auf  eine,  heute  Stirnband  genannte  Straße,  die,  den  Kopf  eines  der  Hügel 
umziehend,  den  Bauplatz  berührte,  machte  eine  Streckung  des  Hauses  auch  in  entgegengesetzter 
Richtung  nötig.  Hieraus  ergab  sich,  bei  Vermeidung  einer  zu  großen  Baufläche,  eine  Hakenform  des 
Grundrisses,  die  sich  durch  Anfügung  eines  Nebenhauses  für  Wirtsdiaftszwecke  zu  einem  Doppelhaken 
erweiterte.  Den  Erwägungen  der  Innenaufteilung  gingen  diese  grundsätzlichen  Feststellungen  voraus. 

Im  übrigen  richtete  sich  die  Anordnung  der  Räume  weitgehend  nach  praktischen  Erfordernissen. 
Alle  Wohn=  und  Schlafräume  wurden  nach  Osten  und  Süden,  die  beiden  Treppen  in  die  Nordost^ 
und  Nordwestecke  gelegt.  Küche,  Kinderzimmer  und  Dienerräume  wurden  an  die  hintere  Treppe 
angeschlossen,  so  daß  die  vordere  nach  Möglichkeit  entlastet  und  dem  Vorderhause  vollkommene 
Ruhe  gesichert  war.  Der  Künstler  verließ  Hagen  nicht,  bevor  sämtliche  Anordnungen  und  Verbin= 
düngen  gemeinsam  erwogen  und  in  sinnreicher  Weise  gelöst  waren. 

Dann  erst  begann  er  mit  der  formalen  Ausgestaltung.  Für  diese  aber  fiel  eine  zweite  Vorfrage 
ins  Gewicht,  die  des  Materials.  Es  waren  nicht  romantische,  sondern  rein  sachliche  Erwägungen,  die 

67 


Hohenhof 
Salon.  Flügeled<e 


in  bezug  auf  Stoffe  und  Farbenwahl  ein  Ergebnis  zeitigten,  das  unverkennbare  Beziehungen  zum- 
alten bergisch=märkischen  Stil  zeigt.  Für  diesen  sind  Fachwerkwände  mit  Schieferbelag,  weiße  Fenster 
und  grüne  Schlagläden  charakteristisch.  Für  den  Hohenhof  —  diesen  Namen  erhielt  der  Neubau  — 
war  nicht  der  Schiefer,  sondern  das  Steinmaterial  des  Berges,  das  in  unmittelbarer  Nähe  gebrochen 
werden  konnte,  der  Ausgangspunkt.  Dieser  Stein,  seit  über  hundert  Jahren  nicht  mehr  als  Baustein 
verwendet,  empfahl  sich  durch  die  seltene  Schönheit  seiner  blauschwarzen  Farbe.  Andererseits  verbot 
seine  ungewöhnliche  Härte  und  Sprödigkeit  eine  genauere  Bearbeitung.  Daher  lag  es  nahe,  ein  zweites 
Material  für  Stufen  und  Gewände  heranzuziehen.  Als  solches  empfahl  sich  im  Hinblick  auf  die  Farbe 
die  schwarze  Niedermendiger  Basaltlava.  Zu  diesen  beiden  Steinen  stand  der  blaue  Moselschiefer 
so  schön,  daß  seine  ausgiebige  Verwendung  ein  ästhetisches  Bedürfnis  war.  Aber  er  empfahl  sich 
auch  durch  seine  in  der  Gegend  erprobte  Wetterfestigkeit.  So  entschloß  man  sich,  das  obere  Geschoß 
als  verschiefertes  Fachwerk  in  Gegensatz  zu  dem  unteren  aus  Stein  zu  bringen,  und  es  war  die 
Grundlage  gegeben,  auf  der  mit  Bleiweiß  und  Sdiweinfurter  Grün  farbig  zu  wirken  schon  die  Öko- 
nomie gebot.  Denn  es  ergab  sich  in  Verhandlungen,  daß  diese  beiden  Farben  die  zuverlässigsten  Deck= 


68 


Hohenhof 
Flügel 


mittel  für  Holzwerk  sind,  also  auch  ihre  frühere  Verwendung  in  dieser  Gegend  wahrscheinlich  ihren 
praktisdien  Vorzügen  verdankten. 

Die  rhythmische  Bearbeitung,  die  in  Weimar  erfolgte,  ergab  zuerst  für  den  Grundriß  eine  Achse, 
die  den  äußeren  mit  dem  inneren  Winkel  der  geschilderten  Hakenform  verband.  Sie  führt  vom  Garten« 
eingang  zur  Vordertreppe,  stellt  also  eine  Hauptbewegungslinie  dar.  Von  ihr  aus  wurden  je  zwei 
Achsen  in  einem  Winkel  von  45  Grad  abgezweigt.  Die  beiden  ersten  reihen  die  Wohnräume  auf, 
die  anderen  führen,  als  Wintergärten  ausgebildet,  zu  den  äußersten  Räumen.  Im  oberen  Geschoß 
erscheint  dieselbe  Idee  etwas  abgewandelt.  Die  Zimmer  sind  nach  Möglichkeit  auf  Symmetrie  gebracht. 
Bei  dem  Salon  im  Erdgeschoß  war  dies  nur  unter  Aufbietung  besonderer  Kunstgriffe,  die  auf  die 
Fassade  Einfluß  nahmen,  möglich.  Im  übrigen  ergaben  sidi  Größe  und  Anordnung  der  Räume  aus 
der  vorbedachten  Anordnung  aller  wichtigeren  Möbel. 

Von  den  Fassaden  zeigt  nur  die  gegen  Osten  gerichtete,  wie  sdion  erwähnt  wurde,  symmetrische 
Gestaltung.  Sie  ist  das  talwärts  gewandte  Gesicht  des  Hauses.  Die  beiden  anstoßenden  Seiten 
sind  als  Flanken  deutlich  charakterisiert,  wozu  auf  der  Nordseite  besonders  der  östlich  gerückte 

69 


Hohenhof 
Schlafzimmer 


.  -.  jäirS.^"»^!:*.^ 


70 


Hohenhof 
Schlafzimmer.  Kleiderschrank 


o 

5 
o 

X 


c 
u 

Ü 


> 


Q 


71 


Haus  des  Künstlers  in  Ehringsdorf  bei  Weimar 


72 


Haus  des  Künstlers  vom  Garten  aus 


73 


Hans  des  Künstlers  vom  Garten  aus 


Haupteingang  beiträgt.  Man  glaubt  vom  Gärtnerhause  an  der  Straße  über  die  Stallung  hinweg 
zum  höher  ragenden  Hauptgebäude  hin  und  weiter  gegen  den  Talblick  ein  starkes  Drängen  zu  spüren. 
Dabei  ist  die  Nordfassade  durch  schwach  betonte  Achsensysteme  —  so  um  den  Eingang  und  den 
Badeerker  im  Obergeschoß  —  rhythmisch  gebunden.  Jeder  Aufblick  stellt  sich  als  das  Ergebnis 
feinster  Auswägung  von  Flächen^  und  Körperwerten  dar.  Es  wird  an  dieser  Schöpfung  besonders 
deutlich,  daß  Velde  bei  der  Gestaltung  viel  mehr  von  der  Idee  des  plastisch  zu  modellierenden  Kör= 
pers  als  von  der  Konkavität  des  Raumes  ausgeht.  Hierauf  beruht  seine  Wahlverwandtschaft  zu  den 
Griechen  und  Gotikern,  seine  Abneigung  gegen  die  Gestaltungen  der  Renaissance.  Der  Hohenhof 
zeigt  das  Bestreben,  den  Kubus  als  solchen  zu  greifen,  besonders  in  der  Abrundung  der  Oberge= 
schoßecken  an  der  Ostfassade,  in  der  Ausbauchung  des  Badeerkers,  sowie  in  der  Hochstelzung  des 
Daches.  Auch  die  Ausbildung  der  Schornsteine  am  Nebenhaus  bestätigt  das  plastische  Empfinden. 
Umgekehrt  läßt  keiner  der  Höfe  und  Gärten  eine  Neigung  zur  Raumformung  erkennen.  Die  Be= 
lebung  des  Stoffes  ist  nicht  in  der  atmenden  Spannung  zwischen  Körper  und  Raum,  sondern  im  dy= 
namischen  Ausdruck  der  Massen  gesucht.    Zum  griechischen  Kampfe  von  Stütze  und  Last  tritt  aber 

74 


Diele  im  Hanse  des  Künstlers 


das  den  Griechen  unbekannte,  den  Gotikern  um  so  geläufigere  Motiv  der  Richtung,  des  drängen« 
den  Schubes. 

Da  der  Verfasser  sich  entschloß,  auf  seine  bisherige  Hinrichtung  zu  verzichten,  konnte  der  Hohen« 
hof  bis  herunter  auf  das  Petschaft  auf  dem  Schreibtische  einheitlich  durchgebildet  werden.  Er  ist  in 
dieser  Beziehung  eine  der  vollständigsten  Schöpfungen  des  Künstlers  geworden  und  bis  zum  heutigen 
Tage  auch  unberührt  erhalten.  Einige  Kunstwerke  von  Bedeutung,  so  der  Auserwählte  von  Hodler, 
der  Spaziergang  von  Vuillard,  ein  Fliesentriptychon  von  Matisse,  boten  Ausgangspunkte  für  die 
dekorative  Ausgestaltung,-  für  den  Garten  entwarf  gleichzeitig  Aristide  Maillol  seine  Serenite.  Haller 
schmückte  den  Haupteingang  mit  Reliefs,  Thorn=Prikker  entwarf  später  die  farbige  Treppenhaus« 
verglasung  und  das  eingelassene  Eulenbild  im  Herrenzimmer.  Diesem  Zusammenwirken  lag  ein 
starkes  Gefühl  für  die  Notwendigkeit  einer  Konvergenz  des  künstlerischen  Schaffens  beim  Verfasser 
und  beim  Architekten  zugrunde.  In  der  Tat  bestrebte  sich  dieser,  die  vorhandenen  Kunstwerke 
formal  und  farbig  so  restlos  in  seine  Raumkompositionen  eingehen  zu  lassen,  daß  sie  wie  daraus  her« 
vorgewachsen  erscheinen.  Wand«  und  Möbelstoffe,  Holzwerk,  Teppiche  und  Vorhänge  wurden 
nach  ihnen  gestimmt,  während  umgekehrt  weitere  Kunstwerke  nach  den  ornamentalen  Bedürfnissen 
der  Räume  ausgewählt  und  eingestimmt  wurden.    Denn  für  ein  Bild  gilt  dasselbe,  was  früher  über 


10" 


15 


Herrenzimmer  im  Hause  des  Künstlers 


das  Ornament  ausgeführt  wurde:  es  hat  nur  insofern  Berechtigung  in  einem  Räume,  als  es  diesen 
teilt  und  belebt,  d.  h.  organisch  mit  ihm  verschmilzt. 

Der  Hohenhof  ist  als  Dokument  dieser  Epoche  um  so  bedeutsamer,  als  das  gleichzeitige  Eigene 
haus  des  Künstlers  in  Weimar  leider  in  den  Tagen  der  Niederschrift  dieser  Arbeit  seiner  Auflösung 
entgegensieht. 

Velde,  den  ein  starkes  Bedürfnis  in  Uccle  den  Weg  zum  Eigenhause  hatte  finden  lassen,  mußte 
sich  in  den  ersten  Weimarer  Jahren  mit  Wohnungen  begnügen,  die  sein  Raumgefühl  wenig  befriedigen 
konnten.  Der  Wunsch  nach  einem  neuen  Eigenhause  war  daher  lebhaft  in  ihm.  Er  wurde  unwider= 
stehlich,  als  er  die  Pläne  für  den  Hohenhof  bearbeitete.  So  entschloß  er  sich  denn  zum  Bau.  Er  er= 
warb  ein  Grundstück  in  Ehringsdorf,  das,  unmittelbar  an  der  herrlichen  Belvedere^ Allee  gelegen  und 
von  riesigen  Pappeln  überschattet,  sich  außerdem  durch  den  Ausblick  über  ein  sanft  ansteigendes, 
von  Korn  wogendes  Gelände  empfahl.  Ein  besonderer  Vorzug  war  es,  daß  der  tägliche  Weg  zur 
Stadt  durch  den  alten,  von  Goethe  angelegten  Sdiloßpark  genommen  werden  konnte  und  daß  Park 
und  Waldungen  des  Belvedere  in  nächster  Nähe  lagen.  Der  Künstler  wählte,  in  geschickter  An= 
passung  an  das  Gelände,  einen  unregelmäßigen  Grundriß,  der  aber  ein  achsial  geordnetes  Raum= 
system  von  großer  Regelmäßigkeit  einschloß.  Arbeitszimmer,  Salon  und  Eßzimmer  reihten  sich  par= 

76 


Damensdireibtisdi  im  Hause  des  Künstlers 


allel  zur  Allee,  durch  breite  Durchgänge  verbunden,  an  den  mittleren  Salon  sdiloß  sich,  kaum  abgetrennt, 
eine  bewohnbare  Diele,  deren  schön  gewundene  Treppe  das  Bild  vom  Salon  aus  beherrschte.  Drei 
freistehende  Sofas,  um  einen  dreieckigen  Tisch  geordnet,  betonten  die  zentrale  Bedeutung  des  Salons, 
der  bei  geöffneten  Türen  mit  den  angrenzenden  Räumen  als  eine  Einheit  erschien. 

Das  Äußere  war  durch  ein  tief  herabgreifendes  Dadi,  in  dem  das  Obergeschoß  als  Mansarde  aus= 
gebildet  war,  zusammengefaßt.  Die  Farbstimmung  war  die  des  Tuffsteins  mit  grauvioletten  Ziegeln. 

Über  die  Raumbildung  bei  diesen  Häusern  und  allen  gleichzeitigen  Einrichtungen  ist  vor  allem 
zu  sagen,  daß  der  Künstler  die  Einheitlichkeit  zu  steigern  suchte,  indem  er  sowohl  Decke  wie  Fuß= 
boden  mit  Hohlkehlen  in  die  Wände  übergehen  ließ.  Dabei  verschob  sich  die  trennende  Linie  an  der 
Wand  hinunter  und  hinauf.  Türen  und  Fenster  bettete  er  nach  Möglichkeit  in  die  Mauern  hinein,  statt 
sie  aufgelegt  erscheinen  zu  lassen.  Funktion  wie  Form  schienen  dadurch  gleichmäßig  charakterisiert. 
Der  Behandlung  von  Gelenken,  d.  h.  solcher  Stellen,  wo  Materiale  ineinandergreifen,  blieb  überhaupt 
seine  Aufmerksamkeit  zugewandt.  Solche  Verbindungen  stecken  voll  geistreicher  und  überraschen^ 
der  Einzelzüge,  die  bald  das  Material,  bald  die  Funktion  erläutern  und  oft  einem  Nutzzweck  mit 
verblüffender  Selbstverständlichkeit  gerecht  werden. 

11 


Kamin  im  Hause  des  Künstlers 


78 


Erbbegräbnis  Kötsdiau  in  Weimar 


79 


T  ■            i 

c 

w 

IM 

ro 

' 

X 

c 

i 

c 
c 

rt 

E 

ha 

c 

t-i 

Q. 

00 

<-t— 

O 

-o 

*_> 

'    . 

& 

cn 

rt 

I 

80 


m 


o 


So 


Q. 
CO 


81 


Diele  im  Hause  Springmann 

Der  Harmonie  dient  neben  der  sorgsamsten  Abgewogenheit  aller  Verhältnisse  vor  allem  die 
Farbe.  Das  Prinzip,  die  Grundstoffe  eines  schönen  Holzes,  eines  Metalles  und  der  matt  getönten 
Stuckmasse  immer  wiederkehren  zu  lassen,  in  Boden,  Türen  und  Möbeln,  in  Klinken,  Leuchtern 
und  Beschlägen,  und  sie  schließlich  nur  in  den  textilen  Bestandteilen  durch  einen  oder  wenige  frei- 
gewählte  Töne  zu  bereichern,  behält  bei  van  de  Velde  auch  in  dieser  Kpoche  seine  Geltung. 

Von  Hinrichtungen  dieser  Zeit  seien  noch  genannt  die  des  Direktors  der  Deutschen  Bank  Alfred 
Wolff  am  Pariser  Platz  in  Berlin,  die  leider  nicht  mehr  an  dieser  Stelle  erhalten  ist,  und  die  für  Herrn 
Arnold  Esche  in  Lauterbach,  interessant  durch  den  Versuch,  Torgament  als  Wandbekleidung  zu 
verwenden,  und  ein  besonders  gelungenes,  auf  Rot  und  Weiß  gestimmtes  Speisezimmer. 

Sodann  fielen  in  diese  Zeit  einige  Ausstellungen. 

Die  Dresdner  Ausstellungsräume,  so  parteilich  sie  in  Deutschland  beurteilt  wurden,  hatten  doch 
die  Aufmerksamkeit  der  Nachbarländer  in  hohem  Maße  auf  unsern  Künstler  gezogen.  Einer  Ein= 
ladung  aus  der  Schweiz  folgend,  stellte  er  aus  den  Beständen  des  Weimarer  Kunstgewerbe=Raumes 
eine  Wanderausstellung  zusammen.  Sit  wurde  später  in  fast  allen  großen  Städten  der  drei  skandi= 


82 


Speisezimmer  der  Frau  von  Guaita  in  Weimar 


83 


Silbersdirank  bei  Frau  von  Guaita 


84 


Haus  Esche.  Waschtisch 


85 


Haus  Esche  in  Lauterbach 
Eingang 


navischen  Länder  gezeigt.  Druet  in  Paris  bewarb  sich  um  eine  Ausstellung  von  Silberarbeiten,  die 
dann  in  seinem  Salon  an  der  Faubourg  St.  Honore  stattfand.  Ein  ehrenvoller  Auftrag  war  die 
Gestaltung  der  Ausstellung  deutscher  Maler  in  London  1907.  Er  wurde  von  englischer  Seite  durch 
Keßler  vermittelt  und  trugVelde  außer  einem  unverkennbaren  Erfolg  die  Begegnung  mit  den  geistigen 
Führern  des  modernen  England  ein,  unter  ihnen  Bernard  Shaw  und  Walter  Crane. 

Leider  sollte  Keßlers  segensreiche  Tätigkeit  in  Weimar  um  diese  Zeit  eine  Erschütterung  erfahren, 
die  auch  für  Velde  nicht  ohne  Folgen  blieb.  Der  Vorfall  ist  typisch  für  den  Unverstand,  mit  dem  der 
deutsche  Bourgeois  alle  Regungen  einer  höheren  Kultur,  die  seinen  Weg  kreuzen,  zu  vernichten  strebt. 
Rodin  hatte  in  aufrichtiger  Wertschätzung  der  Tätigkeit  Keßlers  dem  Museum  in  Weimar  einige 
Aktzeichnungen  geschenkt  und  auf  eines  der  Blätter  die  Widmung  gesetzt:  Hommages  respectueux 
de  Aug.  Rodin  au  Grand^Duc  de  Weimar.  Man  kennt  diese  Zeichnungen  Rodins,  sie  stehen  als 
kühne  Improvisationen  des  genialen  Bildhauers,  die  im  Anschauen  lebendig  bewegter  Körper  in  seinem 
Atelier  zu  Meudon  entstanden,  bei  allen  Kennern  in  höchster  Schätzung.  Keßler  war  begreiflicher- 
weise stolz  auf  diese  Gabe,  die  er  als  Anerkennung  seiner  Tätigkeit  von  berufenster  Stelle  betrachten 
durfte,-  er  legte  sie  zum  ersten  Male  in  der  Ausstellung  des  Deutschen  Künstlerbundes,  die  im  Früh= 

86 


Haus  Esche  in  Lauterbach 
Wohnzimmer 


Jahr  1907  in  Weimar  stattfand,  einem  größeren  Publikum  vor.  Aber  er  hatte  nicht  mit  der  Tatsache 
gerechnet,  daß  es  in  einer  deutschen  Kleinstadt  Leute  gibt,  die  in  der  Widmung  eines  Blattes  mit 
unbekleideten  Figuren  eine  —  Beleidigung  sehen,  selbst  dann,  wenn  sie  von  Seiten  des  gefeiertsten 
Künstlers  Europas  an  eine  gekrönte  LInbedeutenheit  in  Sadisen^Weimar  erfolgt.  Man  war  naiv 
genug,  Anzüglichkeiten  zu  wittern.  Kurz,  es  erhob  sich  ein  Sturm,  wie  ihn  Weimar  noch  nicht  erlebt 
hatte.  Jeder  treue  Untertan,  den  die  neue  Kunst  um  Ansehen  oder  Verstand  gebracht  hatte,  fühlte 
sich  in  der  Rhre  seines  Herrn  gekränkt,  der  zum  Unglück  gerade  in  Indien  dem  geliebten  Weidwerk 
oblag.  Depeschen  gingen  hin  und  her.  Auseinandersetzungen  folgten,  bei  denen  sich  der  Oberhof= 
marschall  Palizieux  einem  Duell  mit  Keßler  durch  einen  plötzlichen  Tod  entzog.  Als  der  hohe  Herr, 
aus  Indien  zurück,  die  Ausstellung  besuchte,  glitten  seine  Augen  achtlos  an  dem  Grafen  vorüber, 
so  daß  diesem  nichts  übrig  blieb,  als  seinen  Abschied  zu  nehmen. 

Mit  diesem  Ereignis  lösten  sich  die  Beziehungen  des  Weimarer  Hofes  zur  modernen  Kunst, 
nachdem  sie  schon  seit  dem  Tode  der  Großherzogin  merklich  abgekühlt  waren.  Velde,  dessen  Freund= 
Schaft  zu  Keßler  bei  Hofe  bekannt  war  und  dem  es  nicht  einfiel,  der  gefallenen  Größe  mit  der  Geste 
des  erzogenen  Hofmanns  den  Rücken  zu  kehren,  fühlte  deutlich,  wie  seine  Existenz  an  höchster 

87 


Haus  Esdie  in  Lauterbadi 
Kamin  im  Wohnzimmer 


Stelle  mehr  und  mehr  ein  Gegenstand  des  Mißfallens  wurde.  Seine  Hoheit  geruhte  von  der  Schule 
kaum  mehr  Notiz  zu  nehmen  und  die  Umladungen  zu  Hofe  blieben  aus. 

Der  Nachfolger  Keßlers,  Karl  Kötschau,  begriff  aber  besser  die  Rücksichten,  die  man  dem 
Künstler  schuldete.  Er  hatte  sich  einen  Umbau  des  großen  Museums  ausbedungen,  und  er  bestand 
darauf,  daß  diese  Aufgabe  in  Veldes  Hände  gelegt  werden  sollte.  Daß  der  Auftrag,  nach  umfang- 
reichen Arbeiten,  wieder  mit  einer  Enttäuschung  endigen  sollte,  war  leider  die  Folge  der  baldigen 
Verabschiedung  Kötschaus,  der  einem  Rufe  an  das  Kaiser=Friedrich=Museum  nach  Berlin  folgte. 
Er  hinterließ  aber  in  Weimar  eine  Familiengruft  von  des  Künstlers  Hand. 

Inzwischen  fanden  die  Weimarer  Künstler  und  Dichter  im  Hause  des  sächsischen  Gesandten 
von  Nostiz  einen  neuen  Mittelpunkt.  Velde  hatte  die  Räume  ausgestattet,  in  denen  neben  der  schönen 
Hausfrau  selbst  ihr  von  Rodin  gemeißeltes  Marmorbild  den  Hauptanziehungspunkt  bildete.  Um 
Vorträge  von  Velde,  Botho  Graf  oder  eine  Autführung  der  Ninon  von  Ernst  Hardt  gruppierten 
sich  Gartenfeste,  in  denen  die  Tradition  der  Feste  vom  Belvedere  weiterzuleben  schien. 

Der  nächste  Auftrag,  der  aus  dem  Großherzogtum  an  den  Künstler  gelangte,  kam  bezeichnender^ 
weise  nicht  von  oben,  sondern  aus  den  Kreisen  der  Arbeiterschaft  von  Jena.    Dort  war  seit  langem 

88 


Haus  Esdie  in  Lauterbadi 
Speisezimmer 


der  Wunsch  lebendig,  dem  großen  Gelehrten  und  Sozialisten  Abbe,  dem  Begründer  der  Zeiß=Werke, 
ein  Denkmal  zu  setzen.  Rin  Wettbewerb  unter  drei  Künstlern,  deren  einer  kein  Geringerer  war  als 
Adolf  Hildebrand,  war  ergebnislos  verlaufen.  Als  der  übliche  tote  Punkt  erreicht  war,  wandte  sich 
die  Arbeiterschaft  durch  ihren  Sekretär  Paga  mit  der  Bitte  an  Velde,  ein  neues  Projekt  zu  entwerfen. 
Sie  hatte  dabei  den  Wunsch,  daß  die  vier  Reliefs  der  Arbeit  von  Constantin  Meunier  an  dem  Monumente 
Verwendung  finden  möchten.  Es  bedurfte  nicht  dieser  Idee,  um  den  Künstler  willfährig  zu  stimmen, 
aber  sie  machte  ihm  die  Aufgabe  doppelt  lieb.  Denn  auf  diesen  Reliefs  beruhte  ein  wesentlidier  Teil 
seiner  Beziehungen  zu  dem  großen  Landsmann. 

Wer  Meunier  in  seinen  letzten  Jahren  in  der  Rue  de  TAbbaye  zu  Brüssel  besuchte,  weiß,  wie  der 
Aufbau  seines  Monumentes  der  Arbeit  ihn  unablässig  beschäftigte.  Sein  erster  Gedanke  war  ein 
gigantischer  Sockel,  der,  mit  den  Reliefs  der  Arbeit  umgürtet,  in  der  Figur  des  Säemanns  seine  Be= 
krönung  finden  sollte.  Velde  war  es,  der  ihm  dann,  bei  seinem  letzten  Besuche,  die  Idee  eines  Saales 
eingab,  der  etwa  als  Vestibül  in  einem  Arbeitsministerium  seinen  Platz  hätte  finden  können.  Dem 
Verfasser  entwickelte  Meunier  kurz  darauf  ein  ähnliches  Projekt,  das  als  Anbau  am  Kgl.  Museum 
zu  Brüssel  gedacht  war.  Eine  zweite  Eingebung  Veldes  war  es,  die  Avenue  Louise  mit  einem  Nischen= 


12 


W 


Haus  Fröse  in  Hannover 


90 


bau  zu  schließen,  der  die  Reliefs  gereiht  und  dazwischen  die  Statuen  der  Arbeit  zeigen  sollte.  Leider 
scheiterten  alle  diese  Rntwürfe  am  Widerstand  des  Königs  Leopold,  und  Meunier  starb,  ohne  eine 
Hoffnung  auf  die  Ausführung  seines  größten  Gedankens  mit  ins  Grab  zu  nehmen. 

Daß  es  gerade  Velde  nun  vergönnt  sein  sollte,  den  Reliefs  der  Arbeit  eine  endgültige  Fassung 
zu  geben,  war  wie  eine  Fügung.  Er  griff  aus  den  Möglichkeiten,  die  er  mit  Meunier  erwogen,  die 
Idee  eines  Tempels  heraus,  an  dessen  Innenwänden  die  Reliefs  ihren  Platz  finden  sollten.  Für  die 
Büste  des  Gefeierten,  die  inmitten  der  Anlage  gedacht  war,  schlug  er  als  Bildhauer  Max  Klinger  vor. 

War  man  in  Jena  geneigt,  auf  diese  Idee  einzugehen,  so  bereitete  die  Platzfrage  erhebliche  Schwierige 
keiten.  Velde  schlug  die  Anhöhe  des  Galgenbergs  vor.  Allein  man  hatte  in  Jena  mit  der  Kunstliebe 
der  Studentenschaft  eigentümliche  Erfahrungen  gemacht,  und  der  Bürgermeister  glaubte,  für  die 
Sicherheit  des  Denkmals  an  so  entlegener  Stelle  keine  Gewähr  übernehmen  zu  können.  So  mußte 
sich  der  Künstler  denn  mit  einem  Platz  zufrieden  geben,  der  außer  der  Anliegerschaft  von  Abbes 
Wohnhaus  und  dem  baulich  wenig  anmutenden  Volkshause  keinerlei  Vorzüge  besaß.  Inzwischen 
hat  die  Pietät  das  Wohnhaus  nicht  vor  dem  Abbruch  retten  können,  und  das  nun  ganz  von  Fabriken 


i 

4 

— I 

ZZ'-^ 

:  ._^n- 

Haus  Dürckheim 

Unterfahrt 


91 


Haus  Dürckheim  in  Weimar 

umgebene  Denkmal  muß  seine  Sicherheit  vor  studentischen  Mißgriffen  mit  einer  Lage  bezahlen,  die 
an  Banalität  kaum  zu  überbieten  ist. 

Dodi  ist  es  schon  als  seltenes  Wunder  in  der  deutschen  Denkmälerchronik  zu  verzeichnen,  daß 
es  überhaupt  zustande  kam.  Und  dieses  Wunder  verdanken  wir  außer  den  Jenaer  Arbeitern  und 
ihrem  Sekretär  den  Professoren  Eucken,  Botho  Graf  und  Rosenthal.  Sit  alle  wirkten  zusammen, 
dem  Komitee  einen  Entschluß  abzunötigen,  der  für  allerpersönlichste  Initiative  Genie  genug  verriet. 
Denn  —  man  täusche  sich  nicht  darüber  —  es  war  im  Deutschland  von  1908  leichter,  ein  Kino  auf 
der  Jungfrau  zu  finanzieren,  als  einen  Mehrheitsbeschluß  zu  erzielen,  der  Qualität  respektierte.  Das 
Abbe^Denkmal  ist  denn  auch,  von  wenigen  Schöpfungen  Hildebrands  abgesehen,  das  einzige  Denkmal 
auf  deutscher  Erde  geworden,  das  eine  Ehre  bedeutet  für  den,  dem  es  gilt  und  für  den,  der  es  errichtet 
hat.  Es  hat  mit  dem  Colleoni  auch  das  gemein,  daß  der  Gefeierte  durch  seinen  Künstler  an  Würde 
und  Unsterblichkeit  noch  gewann. 

Der  Tempel,  dessen  Gipsmodell  das  Komitee  von  Jena  überzeugte,  steht  auf  achteckigem  Grundriß. 


92 


Haus  Dürckheim  vom  Garten  aus 

Vier  Türen  liegen  sich  kreuzweis  gegenüber.  Die  geschlossenen  Wände  tragen  auf  der  Innenseite 
die  Reliefs.  In  der  Mitte  steht  auf  mannhohem  Sockel  Klingers  Büste.  Ein  Oberlicht  läßt  mildes 
Licht  über  die  plastischen  Gebilde  hinfluten. 

Die  Mauern  sind  aus  Würzburger  Muschelkalk  geschichtet.  Das  geschweifte  Dach  besteht  aus 
Kupfer.  Die  Portale  sind  aus  Tombak  gehämmert.  Im  Innern  steht  der  weiße  Marmor  der  Büste 
und  ihres  Sockels  etwas  hart  zu  der  weichen  Farbigkeit  des  Steines  und  der  Bronzereliefs.  Hin 
Mosaikboden  erläutert  ornamental  den  Zusammenhang  aller  Teile. 

Das  Äußere  veranschaulicht  in  der  deutlichsten  Weise  die  Auseinandersetzung  des  Künstlers 
mit  der  Antike.  Es  ist  überhaupt  der  ernsthafteste  Versuch  unserer  Tage,  in  der  Erhebung  einer 
Konstruktion  zum  Kampfe  von  Stütze  und  Last,  im  Ausdruck  freischwingender  Kurven  und  im 
atmenden  Spiel  positiver  und  negativer  Formen  mit  dem  griechischen  Tempelbau  zu  wetteifern.  Keine 
Form  aber  ist  der  Antike  entlehnt.  Würde  man  den  Bau  zerschlagen,  so  würde  an  jedem  Brudistück 
die  Handschrift  unserer  Zeit  erkennbar  sein.  Und  doch  ist  das  Ganze  ein  Organismus,  zu  dem  jeder 
Stein  wie  zu  einer  Blume  von  seltenster  Schönheit  sich  fügt. 

Es  mag  als  ein  Zeichen  für  die  geschäftliche  Treffsicherheit  des  Künstlers  Erwähnung  finden,  daß 
es  ihm  möglich  war,  einen  solchen  Bau  für  eine  im  voraus  festgelegte  Summe  zu  übernehmen.   Aus 


93 


Haus  Dürckheim 

Speisezimmer 

dieser  Summe  waren  nur  die  plastischen  Teile  ausgeschlossen,  doch  vermittelte  Velde  auch  die  Er- 
werbung der  Reliefs  von  Meuniers  Erben. 

Das  Jahr  1909  sah  Velde  wieder  in  Hagen.  Es  handelte  sich  um  eine  Villa  für  Herrn  Rudolf 
Springmann,  die  ursprünglich  neben  dem  Hohenhof  ihren  Platz  finden  sollte  und  damit  die  erste 
Gelegenheit  zur  Durcharbeitung  eines  architektonischen  Gruppenbildes  gegeben  hätte.  Die  Lage 
auf  einer  Gebirgsnase,  unmittelbar  über  der  zum  Hohenhof  ansteigenden  Wiese,  war  sehr  reizvoll, 
und  Velde  gewann  dem  unregelmäßigen  Gelände  einen  Grundriß  ab,  der  einen  geistvollen,  bei  aller 
Größe  fast  koketten  Aufbau  gestattete.  Das  Material  sollte  sich  dem  des  Hohenhofes  anpassen,  ein 
Türmchen  das  Ganze  krönen.  Leider  kam  das  Projekt  nicht  zur  Ausführung,  da  der  Bauherr  sich 
im  letzten  Augenblick  für  einen  anderen  Platz  entschied.  Dieser,  am  andern  Ende  der  Stadt  an 
ansteigender  Straße  gelegen  und  vor  unerwünschter  Nachbarschaft  keineswegs  gesichert,  bot  weit 
weniger  Gelegenheit  zur  Entfaltung  äußerer  Reize.  Veldes  entscheidender  Griff  war  die  Flachlegung 
des  hängenden  Geländes  und  ihre  Ausmittelung  mit  der  schräg  ansteigenden  Straße,  als  deren  Zentrum 
er  das  Haus  selbst  setzte.  Es  ergab  sich  dadurch  eine  Schraubenbewegung,  die  vom  Straßengitter 
über  eine  Pergola  allmählich  zum  Dache  hinanführt.    In  diese  Kurve  drängt  sich  mit  machtvoller 

94 


Haus  Dürckheim 
Salon 


95 


Abbe=Denkmal  in  Jena 

Fülle  ein  zweistöckiger  Erker,  der  innen  als  durchgehender  Wintergarten  ausgebildet  wurde  und 
auch  in  der  Fensterbildung  reizvolle  Motive  zeigt.  Auffallend  ist  das  mit  rötlichem  Schiefer  gedeckte 
Mansardendach,  das,  an  das  Abbe=Denkmal  anknüpfend,  höchst  ausdrucksvolle  Kurven  zeigt.  Das 
Innere  ist  auf  zwei  rechtwinklig  sich  kreuzende  Achsen  gestellt,  deren  eine  auch  den  streng  gebildeten 
Garten  beherrscht  und  dort  in  einer  Laube  endigt. 

Gleichzeitig  mit  dieser  Villa  entstand  das  Haus  des  Arztes  Aderhold  Fröse  in  Hannover.  Es 
ist  als  Reihenhaus  zweiseitig  angebaut  und  fordert  zu  Vergleichen  heraus,  die  die  Formlosigkeit  der 
Durchschnittsarchitektur  grotesk  hervortreten  lassen.  Schon  die  schlichte  Reihung  und  rhythmische 
Verteilung  der  Fenster  wirkt  wie  ein  seltener  Vorzug,  am  meisten  aber  überzeugt  die  kompakte 
Einheit  der  plastischen  Form,  die  durch  die  Herrschaft  des  ausdrucksvollen  Daches  über  eine  Bau^ 
masse  erreicht  ist,  in  welche  alle  Öffnungen  hineingeschnitten  erscheinen.  Das  schlichte  Material  — 
Putz,  Kunststein  und  Schiefer  —  wirkt  in  der  Umgebung  viel  „echterer"  Baustoffe  durch  seine  Be= 
handlung  geradezu  vornehm.  Im  Innern  verdient  eine  schön  geführte  Treppe  Erwähnung. 


96 


Abbc^Denkmal  in  Jena 

Das  Jahr  1910  bedeutet  insofern  einen  neuen  Abschnitt  im  Leben  des  Meisters,  als  der  Umkreis 
seines  Schaffens  die  nationalen  Grenzen  zu  überschreiten  beginnt.  Waren  die  Vorbedingungen  dazu 
in  seiner  Herkunft  und  Hrziehung  gegeben,  so  verwirklichte  sich  doch  erst  jetzt  in  ihm  der  Typus 
des  internationalen  Künstlers,  den  die  nicht  auf  nationale  Grundlagen  gestellte  Bewegung  in  Deutsch- 
land einmal  schaffen  mußte.  Deutsdiland  war  um  jene  Zeit  in  der  Tat,  nach  Gesinnung  und  AktU 
vität,  das  internationalste  Land  der  Welt.  Velde  war  nicht  der  einzige,  der  daran  mitbaute.  Aus 
Holland,  Norwegen,  Rußland,  Österreich  und  der  Schweiz  kommend,  tauchten  viele  Künstler  von 
höchster  Begabung  in  den  Strom,  der  die  Weltkultur  auf  deutsdiem  Boden  wie  einen  „Vater  Ozean" 
suchte.  Der  dänische  Dichter  Jensen  prägte  hellsichtig  das  Wort  vom  ,,Land  der  Mitte".  Und  diese 
Mission,  die  in  Künstlern  wie  Behrens  und  Hoffmann  ihre  Analoga  findet,  erfüllte  sich  auch  an  van 
de  Velde. 

Der  erste  außerdeutsche  Auftrag  —  von  vagen  Anträgen  aus  Amerika  abgesehen  —  kam  ihm 
aus  Riga.  Er  war  das  Ergebnis  eines  Wettbewerbes,  der  gegen  feste  Honorierung  unter  drei  Künste 
lern  ausgeschrieben  wurde.  Es  handelte  sich  um  ein  Gemeindehaus,  dessen  Fassade  sich  an  enger 
Gasse  in  einer  Länge  von  reichlich  40  m  erstrecken  sollte.  Eine  Monumentalwirkung  war  damit 
nicht  zu  erreichen.  Die  Vorzüge  des  Gebäudes  liegen  denn  auch  wesentlich  in  seiner  genauen  An= 
passung  an  das  gegebene  Zweckprogramm. 

13  97 


Ungleich  bedeutender  war  der  zweite  Auftrag,  der  ein  Jahr  später  vom  Auslande  her  an  den 
Künstler  gelangte.  Diesmal  kam  er  von  Paris,  und  es  waren  alte  freundschaftlidie  Beziehungen,  die 
den  Anstoß  dazu  gaben.  Eine  stolzere  Genugtuung  hätte  ihm  nicht  werden  können,  denn  es  handelte 
sich  um  sein  altes,  immer  gescheitertes  Lieblingsprojekt;  ein  Theater  im  größten  Stil.  Kam  es  schließ- 
lich auch  wieder  nur  unter  Kompromissen  und  Hnttäuschungen  zustande,  so  hinderten  diese  doch 
nicht,  daß  seine  bauende  Phantasie  einen  höchsten  Aufschwung  nahm  und  ein  Werk  projektierte, 
das  seiner  internationalen  Prädestination  würdig  war. 


Abbe=Denkmal  in  Jena 
Büste  von  Max  Klinger 

Die  Geschichte  begann,  wie  Unternehmungen  dieser  Art  in  Weltstädten  zu  beginnen  pflegen. 
Rs  bildete  sich  ein  Konsortium  von  Geldleuten,  die  an  den  Dienst  der  tragischen  Muse  als  an  ein 
gutes  Geschäft  glaubten.  Hin  herrlicher  Platz,  gleich  links  am  Eingang  der  Champs  Elyses,  war 
ihre  Sehnsucht,  und  sie  bewiesen  damit  sowohl  Einsicht  wie  Geschmack.  Ein  Monumentalbau  an 
dieser  Stelle  hätte  selbst  für  Paris  eine  meßbare  Steigerung  seiner  Reize  bedeutet.  Hier  aber  kam  es 
zum  ersten,  die  Idee  vernichtenden  Kompromiß.  Um  den  Platz  zu  erhalten,  trug  man  einem  Neffen 
des  Pariser  Stadtbaurats  das  Projekt  des  Theaters  an.  Der  Baurat  schnappte  ein,  eine  Zeitlang  schien 

98 


E 

c 
cy 

Q 


13* 


99 


Hans  Henneberg  in  Weimar 


es,  als  trage  der  Verrat  des  Schiebertums  am  künstlerischen  Gewissen  die  herrlichsten  Früchte,  dann 
aber  brachte  eine  heftige  Opposition  das  diplomatische  Kartenhaus  zu  Fall. 

Dem  Komitee,  das  den  Namen  Theätre  des  Champs  Elyses  bereits  angenommen  hatte,  blieb 
nichts  übrig,  als  in  die  Avenue  Montaigne  abzuwandern.  Dort  erwarb  man  ein  Grundstück,  das 
die  Errichtung  eines  einseitig  angebauten  Hauses  in  der  Flucht  der  Straße  gestattete.  Der  Neffe  des 
Stadtbaurats  aber  hatte  sich  mit  dem  fast  unlösbaren  Problem  abzufinden,  wie  auf  diesem  Platz  mit 
einer  schmalen  Straßenfront  ein  großes  und  ein  kleines  Theater  unterzubringen  sei. 

Inzwischen  war  Maurice  Denis,  dem  man  die  Ausmalung  des  Hauses  zugesagt  hatte,  in  Weimar 
gewesen.  Rr  hatte  dort  die  Gipsmodelle  von  Bühnenhäusern  im  Atelier  van  de  Veldes  gesehen  und 
war  Künstler  genug,  um  ihre  Überlegenheit  über  das  vorliegende  Pariser  Projekt  zu  erkennen.  In 
Anbetracht  des  Umstandes,  daß  die  Gunst  des  Stadtbaurats  an  Bedeutung  eingebüßt  hatte,  fiel  es 
ihm  nicht  allzuschwer,  dieser  Einsicht  im  Pariser  Komitee,  in  dem  ja  doch  Leute  von  Bildung  saßen, 
Geltung  zu  verschaffen.  Zumal  der  Präsident,  Gabriel  Thomas,  sah  die  Inferiorität  des  Projektes 
ein.    Bestehenden  Schwierigkeiten  auszuweichen,  legte  er  Velde  die  Frage  vor,  ob  er  sich  mit  dem 

100 


f 


Haus  Henneberg 
Aufgang 


101 


Haus  Körner  in  Chemnitz 


Neffen  des  Stadtbaurats  in  die  Arbeit  teilen,  d.  h.  unter  seinem  Namen  die  wirkliche  Arbeit  leisten 
wolle.  Velde  sagte  zu,  das  Rinverständnis  des  Würdenträgers  vorausgesetzt.  An  diesem  konnte 
nun,  wie  die  Dinge  lagen,  nicht  mehr  gezweifelt  werden,  und  damit  ging  denn  wirklich  das  bedeutende 
Projekt  in  die  Hände  unseres  Künstlers  über.  An  dieser  Tatsache  ändert  nichts,  daß  die  von  ihm 
allein  gezeichneten  Pläne  mit  den  Insignien  zweier  Meister  geschmückt  sind. 

Die  Vorarbeiten  entwickelten  sich  unter  der  verständnisvollen  Mitwirkung  von  Gabriel  Thomas 
zunächst  glatt  und  angenehm.  Rs  war  Velde  möglich,  anstatt  der  bisher  geplanten  Risenkonstruk- 
tion  den  reinen  Betonbau  durchzudrücken,  indem  er  eine  Offerte  besorgte,  die  eine  Verbilligung  um 
100000  Pranken  bedeutete.  Ihm  war  der  Beton  als  das  modernere  und  fügsamere  Material  an  sich 
erwünscht,  doch  empfahl  er  sich  für  den  vorliegenden  Pall  um  so  mehr,  als  der  angeschwemmte  Grund 
des  Seineufers  der  Pundamentierung  besondere  Schwierigkeiten  in  den  Weg  legte. 

Mit  der  Betonfirma  Perret  freres  aber  hatte  er  sein  Verhängnis  heraufbeschworen.  Theo  van 
Rysselberghe  hatte  sit  ihm  empfohlen.    Trotz  dieser  freundschaftlichen  Brücke  nahm  bald  der  eine 

102 


Hans  Körner  vom  Garten  aus 

der  Brüder,  der  Architekt  war,  eine  fragwürdige  Haltung  gegen  ihn  ein.  Es  erwies  sich,  daß  er  den 
Bau  an  sich  zu  reißen  strebte,  und  die  Durchführung  einer  Aufgabe,  die  anfangs  so  lockend  erschienen 
war,  wurde  bald  zu  einer  Quelle  dauernder  Aufregungen  für  unseren  Künstler.  Zu  Anfang  mußte 
er  seine  Fassade  opfern.  Perret  hatte  in  Tunis  und  Algier  mit  Marmor  verkleidete  Gebäude  ge= 
sehen  und  bestand  nun  auf  einer  blinden  Fassade,  um  einen  ihm  vorschwebenden  Marmorbelag  darauf 
anzubringen.  Das  zweite  Opfer  war  das  Dach.  Velde  hatte  es,  an  den  Ecken  abgerundet,  herunter» 
ziehen  wollen,-  ein  Fries,  der  Bourdelle  versprochen  war,  wurde  nun  Ursache,  daß  die  Fassade  einen 
geraden  Abschluß  erhielt.  Auch  in  das  Innere  griff  Perret  ein.  So  wurde  der  Anschluß  des  Ersten 
Ranges  an  die  Pfeiler  des  Proszeniums  gegen  Veldes  Vorschläge  durchgesetzt.  Und  schließlich  nahm 
man  ihm  die  Geländer  im  Vestibül  und  die  Dekoration  der  Schauräume  so  gut  wie  ganz  aus  der 
Hand.  Der  Chauvinismus  stand  bei  dieser  Erdrosselung  in  bedenklicher  Weise  Pate,  und  man  konnte 
sich  auf  die  Tatsächlichkeit  der  Verballhornungen  berufen,  wenn  man  später  im  Theaterprogramm 
den  Architekten  aus  Weimar  nur  als  künstlerischen  Beirat  der  ausführenden  Pariser  Firma  gelten  ließ*. 
Trotz  alledem  bleibt  das  Theätre  des  Champs  Elyses  eine  Schöpfung,  dem  der  Narrentand 
Perrets  die  Züge  echter  Genialität  nicht  rauben  kann.  Das  Vestibül,  das  unter  dem  quer  gelegten 
Kleinen  Hause  zum  Großen  führt,  atmet  trotz  der  unangemessenen  Geländer  echte  Monumentalität, 

'   Während  des  Krieges  ist  eine  Schrift  von  Mesnil  erschienen,  die  den  wahren  Tatbestand  von  französischer  Seite  feststellt. 


103 


Haus  Körner 
Diele 


und  man  wird  einen  zweiten  Raum  von  der  ernsten  Pracht  des  Großen  Hauses  in  den  Theatern  des 
modernen  Europa  schwerlich  finden.  Eine  glückliche  Fügung  machte  das  Theater  in  der  Folgezeit 
zu  einem  Hauptschauplatz  internationaler  Veranstaltungen.  Hier  tanzten  Nijinski  und  die  Pawlowa, 
hier  sang  noch  im  Frühjahr  1914  ein  Amsterdamer  Chor  unter  Mengelbergs  Leitung  die  Matthäus« 
Passion  von  Bach  in  deutscher  Sprache.  Der  Geist  des  Erbauers  schien  in  seinen  Räumen  lebendig 
zu  werden  und  man  durfte  damals  die  Hoffnung  hegen,  daß  der  Streit  der  Nationen  um  materielle 
Vorteile  in  der  gemeinsamen  Pflege  höchster  Menschheitsgüter  endlich  begraben  sein  möchte.  Der 
Traum  war  leider  kurz.  — 

Das  folgende  Jahr  brachte  ein  Projekt,  das  auf  deutschem  Boden  eine  internationale  Dankesschuld 
abtragen  sollte.  Graf  Keßler  war  die  treibende  Kraft.  Er  wollte  mit  einem  Komitee,  dem  d'Annunzio 
und  Cordon  Craig  angehörten,  in  Weimar,  an  der  Stätte  von  Nietzsches  Wirken,  ein  Monument 
errichten,  das  den  Manen  des  großen  Denkers  gewidmet  sein  sollte.  Gedacht  war  an  ein  Stadion, 
in  dem  olympische  Spiele  abgehalten  werden  konnten.  Man  kaufte  ein  geeignetes  Grundstück  und 
übertrug  Velde  die  Gestaltung.  Dieser  entwarf  einen  Festplatz  von  größten  Ausmaßen.  An  das 
Stadion,  dessen  griechisch=endgültige  Formulierung  keineÄnderungen  erlaubte,  schloß  er  ein  Schwimm« 
becken  an.  Beide  überragte  ein  Tempelplatz,  und  mitten  auf  dem  Platze  sollte  die  Statue  eines  Jung« 

104 


Haus  Körner 

Oberlicht  der  Diele 


lings  von  Maillol  als  Sinnbild  ewiger  Jugend  ragen.  Der  Tempel  selbst  lag  rückseitig  und  war  türm» 
haft,  weithinragend  gedacht.  Von  ihm  aus  sollten  erlauchte  Geister  zu  ihrer  Gemeinde  sprechen.  So 
war  das  Verhältnis  des  Geistigen  zum  physischen  Kampfspiel  überzeugend  zum  Ausdruck  gebracht. 
Die  olympischen  Spiele,  die  einst  am  Athletisdien  zugrunde  gingen,  waren  der  Herrschaft  des  Geistigen 
aufs  neue  unterworfen.  Ein  Gedanke,  erhaben  genug,  um  die  Völker  der  Rrde  zu  gemeinsamer 
Durchführung  zu  vereinen!  Statt  dessen  kam  der  Krieg.  Aber  dieser  Gedanke,  einmal  gefaßt,  wird 
nicht  wieder  erlöschen.  Er  steht  wie  eine  ungeheure  Forderung  über  der  Menschheit,  ein  ragender 
Fels,  an  dem  die  Dämonen  der  Habgier  und  des  Hasses  zerschellen  werden.   Wie  einst  Tempel  und 


14 


105 


Haus  Schulenburg  in  Gera 
Pförtnerhaus 

Kathedralen,  so  werden  auch  heute  die  Schönheitsfanale  der  bauenden  Demut  die  Menschheit  er= 
lösen,  sie  emporheben  aus  der  grauenvollen  Öde  materiellen  Tuns  zu  heiterer  Schöpferlust,  und  es 
wird  die  unverlierbare  Ehre  Deutschlands  sein,  daß  die  erlauchtesten  Geister  der  Zeit  auf  seinem 
Boden  das  erste,  den  Göttern  wieder  geweihte  Heiligtum  errichten  wollten. 

Die  letzten  Jahre  vor  dieser  Katastrophe  aber  riefen  den  Künstler  noch  einmal  zum  Einsatz 
seiner  vollen  Kräfte  auf.  Von  allen  Stätten  seiner  bisherigen  Tätigkeit,  von  Hagen,  Chemnitz,  Weimar 
und  Berlin  gelangten  Aufträge  an  ihn,  dazu  kamen  Gera,  Erfurt  und  schließlich  zum  zweiten  Male 
Paris.  Es  waren  zum  Teil  die  alten  Freunde,  die  ihm  mit  neuen  Projekten  nahetraten,  so  Julius 
Stern  in  Berlin,  dem  Velde  schon  1900  eine  kostbare  Wohnung  in  der  Bellevuestraße  eingerichtet 
hatte.  Jetzt  präsentierte  er  eine  verbaute  Villa  in  Geltow  bei  Potsdam.  Velde  sollte  sie  zurechu 
stutzen.  Es  gelang  ihm,  zwei  Räume,  einen  Wintergarten  und  einen  Hof  zu  schöner  Wirkung  zu 
bringen.  Für  das  Speisezimmer  ließ  er  zwei  Gobelins  nach  Entwürfen  Ludwigs  von  Hofmann  durch 
einstige  Nonnen  in  Le  Mans  ausführen.  Den  Hof  schmückte  Georg  Kolbe  mit  einem  Brunnen. 
Leider  bestand  diese  Schöpfung  nur  kurze  Zeit.  Sie  wurde  nach  dem  tragischen  Tode  des  Ehepaares 
Stern  auseinandergerissen.  Die  Gobelins  aber  gingen  an  einen  Käufer  über,  der  sie  ebenfalls  zum 
Mittelpunkt  einer  Schöpfung  Veldes  zu  machen  gedachte. 

106 


Haus  Sduilenburg 

Einfahrt 


Dies  war  der  Bankdirektor  Salomonsohn  in  Berlin.  Auch  er  gehörte  zum  Freundeskreise  des 
Künstlers.  Seine  Gattin  hatte  zu  den  ersten  Trägerinnen  seiner  Kleider  gehört.  Leider  kam  die  Villa, 
die  im  Berliner  Westen  ihren  Platz  finden  sollte,  nicht  über  die  ersten  Vorarbeiten  hinaus. 

In  Weimar  war  es  Graf  Dürckheim,  der,  nach  elfjähriger  Anwesenheit  des  Künstlers  in  der 
Residenz,  als  erster  den  Mut  faßte,  einen  Bauauftrag  in  seine  Hände  zu  legen.  Das  Haus  zeigt  eine 
schlichte,  fast  karge  Außenarchitektur,  reißt  aber  im  Innern  durch  ein  strenges,  wappengeschmücktes 
Vestibül  auf  die  Höhe  aristokratischer  Lebensführung  und  erweist  in  der  wohlberechneten  Abfolge 
schöngeformter  Säle  den  gereiften  Raumsinn  des  Meisters. 

Ihm  folgte  Baron  Henneberg.  Das  Haus  ist  gegen  einen  Abhang  gelehnt  und  mißt  an  der  tief- 
liegenden Straße  ein  Stockwerk  mehr  als  auf  der  Gartenseite.  Die  Anschlüsse  an  das  Gelände  sind 
geschickt  gefunden,  die  stattliche  Fassade  zeigt  schöne  Verhältnisse.  Im  Innern  verdient  ein  reizvoller 
Treppenaufgang  zu  den  Haupträumen  im  ersten  Stock  Erwähnung. 

In  Chemnitz  hatte  die  1902  erbaute  Villa  für  Herrn  Herbert  Esche  weitere  Kreise  für  den  Künstler 
gewonnen.  Schon  1906  wurde  Velde  mit  der  Herstellung  eines  kleinen  Tennisklubhauses  beauftragt, 
außerdem  ließ  der  Schwiegervater  seines  Gönners,  Herr  Körner,  der  Inhaber  von  Beyers  Tintenfabrik, 
eine  Diele  in  seinem  Wohnhause  ausstatten.    Aufträge  für  die  Industrie,  Seidenmuster  für  Wilhelm 

H*  107 


Haus  Schulenburg 
Durdigang  vom  Vorhof  zum  Garten 


108 


•**£-■ 


Haus  Sduilenburg  vom  Vorhof  aus 


Vogel  und  Entwürfe  zu  Tintenpackungen  liefen  nebenher.  Jetzt  folgte  der  Schwager  des  Herrn 
Esche,  Herr  Theo  Körner,  mit  einer  Villa,  die  zu  den  besten  späteren  Arbeiten  des  Künstlers 
gerechnet  werden  darf. 

Aus  Hagen  kam  die  dankbarste  Aufgabe.  Sie  betraf  ein  Wohnhaus  mit  Nebengebäuden,  das 
Herr  Theodor  Springmann  in  beherrschender  Lage  oberhalb  des  Stadtgartens  zu  erbauen  gedachte. 
Es  konnte  zum  hochgelegenen  Blickziel  einer  steil  ansteigenden  Ulmenallee  gemacht  werden.  Auf 
der  Rückseite  war  die  Anlage  eines  amphitheatralisch  ansteigenden  Gartens  möglich.  So  war  die 
Forderung  einer  die  Mitte  des  Hauses  durchschneidenden,  frei  in  die  Landschaft  ausklingenden  Achse 
geradezu  gegeben.  Das  Grundstück  selbst  bot  in  buntscheckiger  Grauwacke  ein  selten  schönes  Bau= 
material,  das  den  Künstler  zu  einem  rhythmischen  Spiel  mit  wechselnden  Lagerungen  anregte.  Es 
entstand  dadurch  eine  Art  von  Pfeilcrbau,  indem  hammerrecht  geschichtete  Vertikalsstreifen  das 
schön  gewölbte  Dach  tragen.  Die  äußere  Fertigstellung  des  Hauses  wurde  in  den  Kriegsjahren 
notdürftig  erzwungen,  das  Innere  harrt  noch  der  Vollendung. 

Zu  den  Stätten  alter  Wirksamkeit  trat  Gera  als  neue  hinzu.  Herr  Paul  Schulenburg  hatte  in 
der  Dresdner  Ausstellung  von  1906  das  früher  erwähnte  Speisezimmer  gekauft.  Inzwischen  waren 
noch  viele  Einzelgegenstände  nach  Veldes  Entwurf,  besonders  Silbergerät,  in  seine  Hände  gelangt. 

109 


Haus  Sdiulenburg  vom  Garten  aus 

Jetzt  tat  er  den  Schritt,  den  der  Besitz  guter  Möbel  so  häufig  nach  sich  zieht,-  den  Schritt  zum  eigenen 
Hause.  Denn  das  Auge,  einmal  an  Maß,  Vernunft  und  Schönheit  gewöhnt,  erträgt  den  Ungeschmack 
nicht  mehr  und  fordert  gebieterisch  sein  Recht  auf  Rrneuerung  des  ganzen  Daseins.  Der  FallSchulen= 
bürg  ist  typisch  dafür.  Nachdem  das  Haus  noch  vor  dem  Kriege  vollendet  werden  konnte,  hat  sein 
Besitzer  jetzt  ein  großes  Grundstück  hinzugekauft,  um  den  Umkreis  seiner  Lebensatmosphäre  zu 
erweitern.  Während  der  Verfasser  diese  Zeilen  niederschreibt,  ist  der  Künstler  in  seinem  neuen  Heim 
am  Bodensee  damit  beschäftigt,  die  Ausstrahlungen  des  Hauses  in  höher  gelegenen  Nebengebäuden 
und  Gewächshäusern  aufzufangen,  die  den  Horizont  der  Besitzung  umfrieden  sollen. 

Rin  ungewisses  Schicksal  dagegen  ist  dem  Hause  widerfahren,  das  der  russische  Baron  Viktor 
von  Golubeff  kurz  vor  dem  Kriege  in  Paris  beginnen  ließ.  Dieser  um  die  Erforschung  indischer 
Tempel  hochverdiente  Gelehrte  beabsichtigte  für  seine  Sammlungen  asiatischer  Kunstwerke  ein 
Palais  zu  errichten,  das  alle  Vorzüge  eines  Museums  mit  denen  eines  Salons  und  einer  Stadtwohnung 
verbinden  sollte.  Er  glaubte  diese  echt  pariserische  Aufgabe  nirgends  besser  aufgehoben  als  in  den 
Händen  Veldes,  mit  dem  ihn  freundschaftliche  Beziehungen  seit  langem  verbanden.  Der  Rohbau 
stand  fertig,  als  der  Krieg  begann.  Seitdem  war  es  dem  Künstler  nicht  möglich,  Verbindungen  irgend^ 
welcher  Art  aufrechtzuerhalten. 


110 


Haus  Sdiulenburg  vom  Garten  aus 


Die  Fülle  dieser  Aufträge  von  privater  Seite  läßt  erkennen,  wie  sehr  die  Schätzung  des  Künstlers 
gestiegen  war,  wie  der  Kreis  seiner  Freunde  sich  beständig  erweitert  hatte.  Denn  Schätzung  und  Freunde 
Schaft  sind  in  diesem  Falle  so  gleichbedeutend,  daß  der  Künstler  und  seine  Auftraggeber  sich  wohl 
immer  als  die  gemeinsamen  Erfüller  derselben  Mission  betrachteten.  Ihr  Verhältnis  beruhte  auf 
inniger  Übereinstimmung  in  den  letzten  Fragen  der  Kultur.  Daß  ein  ähnlicher  Zustand  im  Verkehr 
mit  öffentlichen  Körperschaften  nicht  möglich  war,  ist  vielleicht  der  Grund  für  alle  Fehlschläge,  die 
Velde  von  dieser  Seite  her  betrafen.  Präsidenten,  Minister  und  Bürgermeister  sind  nur  die  Vollstrecker 
einer  überzeugungslosen  Mehrheit,-  vom  Fürsten  alten  Stils  unterscheidet  sie:  noch  oft  genug  der 
Mangel  an  Erziehung  zu  Wertgefühl  und  Ritterlichkeit.  Nur  so  ist  der  erschreckende  Mangel  an 
Verantwortungsgefühl  zu  erklären,  der  sie  fast  ausnahmslos  kennzeichnet  und  das  Zustandekommen 
eines  öffentlichen  Bauwerks  von  künstlerischem  Wert  zur  seltenen  Ausnahme  macht. 

Kommt  es  doch  einmal  dazu,  so  wird  man  nach  dem  Menschen  fragen,  der  es  verstanden  hat, 
der  öffentlichen  Maschine  seine  Seele  einzuhauchen.  Veranlassung  zu  solcher  Frage  gibt  uns  der 
erstaunliche  Auftrag,  mit  dem  im  Jahre  1903  die  Stadt  Erfurt  an  den  Künstler  herantrat.  Sie  übertrug 
ihm  unter  Ausschaltung  des  ganzen  Wettbewerb -Unfuges  kurzerhand  das  Projekt  für  ihr  neues 
Stadtmuseum.  Für  diesen  Entschluß  waren  zwei  Gründe  maßgebend:  man  wollte  einen  Architekten, 

111 


Haus  Schulenburg 
Vorplatz  auf  der  Gartenseite 


112 


Haus  Schulenburg  vom  Garten  aus 


15 


113 


Haus  Schulenburg  vom  Garten  aus 


der  in  ständiger  Fühlung  mit  dem  Museum  arbeiten  konnte  und  in  der  Nähe  Rrfurts  ansäßig  war,- 
zweitens  war  von  Velde  zu  erwarten,  daß  er  auf  die  besondere  Art  eines  Museums  eingehen  und 
nicht  von  außen  nach  innen  arbeiten,  vielmehr  vom  Gegenstand  zum  Raum,  vom  Raum  zum  Gebäude 
kommen  würde.  Daß  er  einer  der  ganz  wenigen  war,  die  ihren  Formen  Seele  einzuhauchen  verstehen, 
hätte  der  dritte  und  schlagendste  Grund  sein  sollen,-  es  ist  aber  genug,  daß  eine  Kommission  Gründen, 
die  mehr  als  rechnendes  Urteil  voraussetzen,  überhaupt  zugängig  war,  und  es  ist  das  hohe  Verdienst 
des  Museumsdirektors  Edwin  Redslob,  sie  dahin  gebracht  zu  haben.  An  Intrigen,  bestimmt,  die 
Vorarbeiten  zu  durchkreuzen,  fehlte  es  natürlich  auch  in  Erfurt  nicht,  aber  Redslobs  schöner  Über= 
zeugung  gelang  es,  das  Projekt  bis  dicht  an  den  Baubeschluß  heranzuführen.  Zu  diesem  kam  es  dann 
nicht  mehr,  weil  der  Krieg  ausbrach. 

Das  von  Redslob  ausgearbeitete  Bauprogramm  sah  die  Aufstellung  sehr  verschiedenartiger 
Sammlungen  vor.  Für  das  Erdgeschoß  kamen  Objekte  des  Mittelalters,  besonders  Holzskulpturen 
und  Waffen  in  Betracht,  im  Hauptgeschoß  sollten  die  Gemälde  ihren  Platz  finden  und  ein  Saal  für 
wechselnde  Ausstellungen  angeschlossen  sein,  dem  Dachgeschoß  verblieben  die  Sammlungen  zur 
Völkerkunde  und  Naturwissenschaft.  Ein  Museum  also,  das  den  verschiedensten  Zwecken  dienen 
sollte  und  damit  für  derartige  Bildungsinstitute  in  kleineren  Städten  typisch  war. 

114 


«01 

Haus  Sduilenburg 
Brunnen  im  Garten 

Velde  hat  es  verstanden,  der  Vielheit  dieser  Anforderungen  in  einem  klaren,  formalen  Organismus 
gerecht  zu  werden.  Der  Grundriß  zeigt  eine  Anordnung,  welche  den  Besucher  in  klarer  Übersicht 
an  allen  Räumen  vorüberleitet,  ohne  ihn  zu  zwingen,  sie  sämtlich  zu  durchschreiten.  Besonders 
gelungen  ist  die  für  Werke  kirchlicher  Plastik  bestimmte  „Kapelle".  Hier  war  verlangt  ein  von  allen 
Seiten  einfallendes,  nicht  zu  scharfes  Licht,  das  die  Wirkung  vergoldeter  Skulpturen  steigern  sollte. 
Demnach  sollte  der  Raum  keine  Kirche  imitieren  und  auch  außen  nicht  als  solche  in  Rrscheinung 
treten.  Velde  löste  die  Aufgabe,  indem  er  den  Raum  in  die  Diagonale  legte  und  gewann  so  eine 
Achse  von  überraschender  Ausdehnung.  Dieses  Betonen  der  Diagonale  und  die  dadurch  erreichte 
Auslösung  geben  dem  Grundriß  seine  innere  Bewegung. 

Rücksichten  auf  das  verschiedenartige  Lichtbedürfnis  der  Sammlungen  bestimmten  die  Anordnung 
der  Fenster.  Dem  Wunsche  einer  Rrweiterungsmöglichkeit  entspricht  die  triumphbogenartige  GestaU 
tung  der  Eingangsseite,  die  sich  auch  einer  großzügigeren  Bauanlage  gewachsen  zeigen  würde.  Ihr 
horizontaler  Abschluß  steht  in  wirksamem  Gegensatz  zu  den  drei  Türmen  der  Severikirche,  die  als 
Wahrzeichen  von  Erfurt  zu  gelten  haben.  Ein  Balkon  im  Oberstock  erschließt  einen  Ausblick  auf 
die  turmreiche  Stadt.  So  erleben  wir  wieder  das  Velde  eigene  Feingefühl  in  der  Einfügung  des 
Gebäudes  ins  gegebene  Stadtbild  und  zugleich  seine  Ausnutzung  für  das  Gebäude  selbst.  Seine 

.5.  115 


persönliche  Handsch<  t  gelangt  am  meisten  da  zur  Geltung,  wo  sie  isoliert  wirkt:  an  jener  Seite 
des  Innenhofes,  die  der  Eingangshalle  gegenüberliegt  und  von  ihr  zunächst  gesehen  wird. 

Hoffen  wir,  daß  dieses  reife  Meisterwerk  eines  großen  Künstlers  in  nicht  zu  ferner  Zeit  seine 
Verwirklichung  erlebe  und  damit  zugleich  Zeugnis  ablege  für  das  geschärfte  Kulturgewissen  der 
deutschen  Demokratie. 


Haus  Sdiulenburg 
Gartenhaus 

Einem  persönlichen  Eingriff,  den  man  fast  Zufall  zu  nennen  versucht  ist,  verdankt  auch  das 
letzte  Werk,  von  dem  hier  berichtet  werden  kann,  seine  Entstehung.  Im  Jahre  1913  vereinigten  sich 
die  Stadt  Köln  und  der  Deutsche  Werkbund  zUr  Veranstaltung  einer  Ausstellung  auf  dem  ehemaligen 
Deutzer  Festungsgelände  am  rechten  Ufer  des  Rheins.  Der  Platz  war  herrlich.  Es  hätte  hier,  im 
Angesichte  der  vielgetürmten  Stadt,  eine  Anlage  von  stolzester  Schönheit  entstehen  können.    Leider 

116 


Haus  Sdiulcnburg 
Vorhalle 


117 


118 


Haus  Sduilenburg 
Salon 


Haus  Sdwlenburg 
Speisezimmer,  Ausgang  zum  Garten 


119 


Haus  Schulenburg 
Speisezimmer 

zeigte  sich  bei  den  Vorverhandlungen,  daß  die  Absichten  der  beiden  Veranstalter  nicht  gleichmäßig 
auf  dieses  Ziel  gerichtet  waren.  Schlimmer  aber  war,  daß  der  Werkbund  selbst  nicht  die  Stoßkraft 
aufbrachte,  seine  stärksten  Vertreter  zu  einer  einheitlichen  Leistung  zu  verbinden.  So  versagte  leider 
die  Gesamtanlage  vollständig.  In  bezug  auf  van  de  Velde  war  es  lange  zweifelhaft,  ob  er  überhaupt 
mit  einer  seiner  würdigen  Aufgabe  bedacht  werden  sollte.  Als  es  nach  endlosen  Debatten  endlich 
gelungen  war,  ihm  das  Ausstellungstheater  zu  sichern,  räumte  es  der  Lenker  der  Finanzen  dem 
Verfasser  mit  den  Worten  ein:  „Triumphieren  Sie  nicht  zu  sehr!  Daß  Sie  das  Theater  bekommen, 
verdanken  Sic  nur  meinem  Freunde  Julius  Stern.  Der  hat  mir  van  de  Velde  empfohlen,  und  ich 
willige  ein,  weil  Julius  Stern  ein  sehr  guter  Freund  von  mir  ist."  Wir  glauben,  diese  Einwirkung 
eines  der  Ausstellung  zwar  fernstehenden,  aber  um  die  Kunst  sehr  verdienten  Mannes  hier  verzeichnen 
zu  sollen,  weil  sie  vielleicht  seine  glücklichste  Tat  war.  Denn  das  Kölner  Ausstellungstheater  hat  trotz 
seiner  Problematik  unserm  Künstler  die  Herzen  der  Jugend  gewonnen,  es  hat  den  Unterschied  von 
geistiger  Schöpfung  und  seichter  Geschmackskultur  vor  aller  Augen  sichtbar  hingestellt. 

120 


Haus  Schulenburg 
Diele 


Die  Problematik  dieses  Hauses  aber  lag  in  seiner  Bühnenanlage.  Wohlmeinende  Freunde  des 
Künstlers  haben  gefragt,  warum  er  den  sicheren  Erfolg  seiner  Bauschöpfung  durch  eine  unerprobte 
Bühne  in  Frage  stelle.  Das  aber  hieß  den  Künstler  mißverstehen.  Für  ihn  war  Bauen  noch  immer 
Gestaltung  moderner  Zwecke,  und  er  konnte  nicht  Hand  an  eine  Aufgabe  legen,  ohne  mit  den  Formen 
auch  die  Idee  selbst  höher  zu  treiben.  So  werden  die  Bewohner  seiner  Häuser  gern  bekennen,  daß 
sie  durch  seine  Formen  in  ihren  Lebensgewohnheiten  gehoben  wurden.  Velde  konnte  ein  Theater 
nicht  bauen,  ohne  seinen  Organismus  von  Anfang  an  neu  zu  durchdenken,  ohne  das  Spiel  selbst 
seiner  räumlichen  Phantasie  Untertan  zu  machen.  In  Köln  war  der  Drang  dazu  um  so  stärker,  als 
er  in  Paris  ein  Kompromißtheater  hatte  schaffen  müssen ,-  dort  saß  die  Bühne  hinter  dem  traditionellen 
Proszeniumsrahmen,  dort  türmten  sich  die  Balkone  nach  dem  alten  geheiligten  Rezept  des  Rang= 
theaters.  Er  aber  wollte  ein  neues  Verhältnis  zwischen  Spieler  und  Publikum.  Die  trennende  Scheibe, 
die  die  Bühne  zu  einem  Bilde  hinter  dem  Rahmen  machte,  sollte  fallen,  der  Schauspieler  heraustreten 
in  die  Luft,  die  auch  der  Zuschauer  atmet.  Er  versprach  sich  davon  eine  viel  unmittelbarere  Wirkung 
des  Spieles  und  vollzog  im  Grunde  nur  die  Auflösung  der  Renaissanceoptik,  der  seine  Architektur 

121 


Haus  Sdiulenburg 
Treppenhaus 

längst  entwachsen  war,  auf  einem  neuen  Gebiete.  Denn  die  gerahmte  Bühne  gehört  zum  gerahmten 
Bilde  und  zur  gerahmten  Architektur. 

Die  Schwierigkeit  aber,  die  sich  der  Auflösung  der  Bildbühne  entgegenstellt,  liegt  in  dem  hohen 
Werte  einer  auf  sie  zugeschnittenen  Literatur.  Für  die  Bühne,  die  uns  optisch  entspräche,  fehlt  uns 
umgekehrt  noch  das  Drama.  Aus  diesem  Dilemma  gibt  es  keine  gewaltsame  Lösung.  Auch  die 
geistvollsten  Versuche  werden  die  Bedeutung  unbedingter  Vorbildlichkeit  nicht  beanspruchen  können. 
Aber  es  wäre  falsch,  sie  darum  nicht  zu  wagen.  Sie  können  dem  modernen  Dichter  helfen,  neue 
Wege  zur  dramatischen  Form  zu  finden,  und  ohne  Frage  sind  Ausstellungen  für  sie  der  gegebene  Ort. 

AufVeldes  Bühne  sah  man  nicht  durch  den  Ausschnitt  in  der  Wand,  sondern  der  Schauraum 
senkte  sich  gegen  sie  wie  zu  einem  Spielgrund.  Man  hatte  sehr  stark  das  Gefühl  des  einheitlichen 
Raumes.  Der  Vorhang  öffnete  sich  von  Wand  zu  Wand.  Zum  ersten  Male  war  der  Rundprospekt 
Teil  der  Architektur,  sein  absidiales  Hervortreten  auf  der  Rückseite  des  Gebäudes  war  die  Folge. 
Statt  der  unpraktischen  Hinterbühne  ergaben  sich  auf  diese  Weise  zwei  Seitenbühnen,  die  dem  Wechsel 
der  Dekoration  dienten.  Die  Bühnenausgänge  lagen  seitlich  vorn,  dort,  wo  sich  sonst  die  leidigen 
Proszeniumslogen  befinden.  Das  Orchester  war,  gegen  die  Bühne  geöffnet,  über  der  Decke  des 
Schauraums  angeordnet.     Die  auffälligste  Neuerung  aber  war    eine  Dreiteilung  der  Bühne,    die 

122 


Haus  Schulenbuig 
Treppenhaus 


16* 


123 


Haus  Schulenburg 
Ankleideraum 


es  ermöglichte,  die  Szene  zu  verkleinern  und  das  Spiel  von  einer  Bühne  zur  andern  hinüberzuschieben. 
In  der  Eröffnungsvorstellung,  die  Barnowski  mit  dem  Berliner  Lessingtheater  bestritt,  erwies  sich 
diese  Anordnung  recht  wirksam,  als  Faust  aus  der  Studierstube  sichtbar  zu  Auerbachs  Keller 
hinüberging  oder  als  Marthas  Garten  als  Mittelbühne  zwischen  den  Häusern  der  beiden  Freundinnen 
lag.  Zu  überzeugender  Größe  aber  steigerte  sidi  die  Wirkung  bei  der  französischen  Aufführung 
des  Cloitre  von  Verhaeren  durch  Carlo  Litten  und  seine  belgische  Truppe.  Velde  hatte  den  Aufbau 
des  Bühnenbildes  selbst  geleitet,  und  es  ergab  sich  nun  ein  Reichtum  der  räumlichen  Beziehungen  unter 
den  Gruppen  der  Spieler,  wie  er  in  ähnlicher  Zwanglosigkeit  der  Bewegung  noch  kaum  gesehen  sein 
dürfte.  Die  Dreiteilung  der  Bühne  konnte  übrigens  aufgehoben  werden,  so  daß  bei  Bedarf  die  volle 
Breite  des  ganzen  Spielgrundes  zur  Verfügung  stand. 

Daß  der  Schauraum  sich  als  Sektor  eines  Amphitheaters  gegen  die  Bühne  senkte,  wurde  schon 

124 


Grundriß  des  Ausstelkingstheaters 


125 


Das  Theater  in  der  Ausstellung  des  Deutschen  Werkbundes  Köln  1914 


Das  Theater  in  der  Ausstellung  des  Deutschen  Werkbundes  Köln  1914 


126 


*-: 


Anfahrt  am  Ausstellungstheater 


127 


Haupteingang  des  Ausstellungstheaters 


erwähnt.  Es  gab  keine  schlechten  Plätze  in  diesem  Theater.  Eigentümlich  war  der  Zugang.  Der 
Bauplatz  war  vom  Ausstellungsgelände  durch  einen  mächtigen  Überschwemmungsdamm  abgetrennt, 
dessen  Unterbrechung  die  Stromverwaltung  nicht  gestatten  wollte.  So  bestand  die  Zwangslage,  das 
Hauptportal  auf  die  Höhe  des  Dammes  zu  legen,  und  der  Verkehr  flutete  im  Innern  über  Treppen 
zu  den  Eingängen  hinab. 

Natürlich  beeinträchtigte  der  Damm  die  Fassadenentwicklung  in  einer  Weise,  die  manchen  Ar* 
chitekten  hoffnungslos  gestimmt  hätte.  Velde  gelang  es,  durch  zwei  schön  geschwungene  Rampen 
den  Fehler  beinahe  in  einen  Vorzug  zu  verwandeln.  Obrist  trug  dann  durch  Ornamente  in  den 
Fensterovalen  dazu  bei,  der  niedrigen  Stirn  einen  Ausdruck  von  geistiger  Bedeutung  zu  geben.  Doch 
sei  nicht  bestritten,  daß  der  architektonische  Nadidruck  auf  der  Rückseite  mit  dem  absidial  hervor^ 
tretenden  Rundprospekt  lag.  In  ihm  ist  vielleicht  ein  typisches  Motiv  des  Theaters  der  Zukunft  end= 
gültig  formuliert  werden.  Kaufmann  hat  es  bei  seinem  Berliner  Volkstheater,  Fischer  und  Eberhard 
bei  ihren  Freundschaftshäusern  für  Konstantinopel  aufgenommen. 

Die  Innenausstattung,  in  der  man  den  Künstler  nadi  schlechter  Gewohnheit  mehr  sucht  als 
in  der  Anlage,  hielt  sich  auf  der  Höhe  seiner  besten  Leistungen.  Milly  Steger  und  Ludwig 
von   Hofmann   hatten   dem  Wunsche    nach    plastischem    und    malerischem    Schmuck    entsprochen. 

128 


s 

u 
« 

-6 


b<3 


17 


129 


Ausstellungstheater 
Treppe  im  Wandelgang 
Relief  von  Milly  Steger 


Das  Problem  einer  Vereinigung  der  Künste  zu  monumentalen  Zwecken  war  dabei  in  vorbildlicher 
Weise  gelöst. 

Rs  war  ein  guter  Gedanke  der  Ausstellungsleitung,  das  Theater  als  Versuchsfeld  für  alle  neuen 
Bestrebungen  auf  dem  Gebiete  der  Bühnenkunst  zur  Verfügung  zu  stellen.  Die  ersten  Spielleiter, 
Schauspieler,  Tänzer,  unter  ihnen  Sacharoff,  wanderten  ab  und  zu.  Niemand  von  ihnen  wird  sich 
dem  Bedauern  entzogen  haben,  daß  dieser  einzigartige  Schauplatz  nur  die  Lebensdauer  einer  Aus= 
Stellung  haben  sollte.  In  der  Tat  bildete  sich  nach  der  Aufführung  von  Mozarts  Kntführung  durch 
das  Münchener  Residenztheater  ein  Komitee  in  Köln,  das  seine  Erhaltung  in  Aussicht  nahm.  Mit 
der  Herstellung  eines  festen  Daches  wäre  das  meiste  getan  gewesen.  Ob  man  sich  aber  nun,  nach 
dem  Zusammenbruch  unseres  Vaterlandes,  dazu  wird  aufraffen  können,  ist  eine  Frage,  deren 
Bejahung  man  nur  noch  hoffen  kann. 

Die  Kölner  Werkbund=Ausstellung  wurde,  noch  kurz  vor  Ausbruch  des  Krieges,  zum  Schaum 
platz,  auf  dem  sich  das  Schicksal  des  Werkbundes  selbst  zum  Drama  gestaltete.  In  den  Kreisen  der 
Künstler,  von  deren  Ruhm  er  zehrte,  hatte  sich  seit  längerer  Zeit  eine  gewisse  Verdrossenheit  be* 
merkbar  gemacht.  Eine  Disputation  über  die  Ziele  und  Wege  des  Bundes  sollte  diesem  Zustand  ein 

130 


Ausstellungstheater 

Wandelgang 


Rnde  machen.  Als  aber  die  Kölner  Tagung  heranrückte,  ergab  sich,  daß  gerade  die  Persönlichkeit, 
gegen  die  die  meisten  Beschwerden  vorlagen,  als  Hauptreferent  aufgestellt  war.  Verstimmte  schon 
dieser  Umstand,  so  wirkten  die  vom  Referenten  aufgestellten  Thesen  wie  eine  Platzbombe.  Kr  hatte 
die  Typenbildung,  die  man  im  Werden  der  Kunst  gelegentlich  beobachten  kann,  zur  Forderung  er= 
hoben,  und  seine  Worte  wurden  um  so  mehr  als  eine  Apotheose  der  Mittelmäßigkeit  aufgefaßt,  als 
gerade  diese  den  Gedanken  bisher  eifrig  verfochten  hatte.  Man  hielt  den  Moment  für  gekommen,  um 
eine  Entscheidung  herbeizuführen  über  die  Frage:  Freiheit  des  Genies  oder  Knebelung  durch  wirt= 
schaftlich^technische  Rücksichten,  absichtsloses  Spiel  der  Schönheitslust  oder  Steigerung  der  Qualität 
für  den  Welthandel.  Der  Krieg  hat  die  deutlichste  Antwort  auf  diese  Frage  gegeben,  indem  er  das 
zügellose  Werben  um  den  Weltmarkt  als  eine  Ursache  des  allgemeinen  Zusammenbruchs  entlarvte. 
Für  Deutsdiland  aber  gibt  es  keine  schönere  Rechtfertigung  als  die  Tatsache,  daß  es,  während  Frank= 
reich  und  England  gleich  bei  Kriegsbeginn  einen  Werkbund  mit  dem  Ziele  des  Welthandels  gründeten, 
diesen  Irrtum  schon  im  voraus  innerlich  überwand,  der  tiefen  Freiheit  seines  Schaffens  sich  bewußt 
wurde  und  dieser  Überzeugung  in  den  Worten  seiner  geistigen  Führer  beredten  Ausdrud<  lieh.  Velde 
war  es,  den  das  Vertrauen  der  Besten  damals  an  die  Spitze  rief,  er  setzte  die  vereinbarten  Gegner- 

17.  131 


TMEATRE: 

DE5 

CMAMP3  ELYDCED 

PLAh     Ot£>  &PANOE5  LDGtS 


Theatre  des  Champs  Elyses 
Grundriß  in  Parketthöhe 


thesen,  ein  glänzendes  Bekennte 
nis  künstlerischer  Freiheit  und 
Schöpferlust,  dem  ethisch  heraus^ 
geputzten  Merkantilismus  des 
Referenten  entgegen  und  gewann 
sich  damit  auch  als  Mensch  die 
bejubelte  Führerschaft,  die  sein 
Theater  dem  Künstler  nach  stiller 
Übereinkunft  schon  eingetragen 
hatte. 

Es  ist  schwer  zu  sagen,  wo= 
hin  diese  Kölner  Aussprache  den 
Werkbund  getragen  haben  würde. 
Soviel  ist  sicher:  die  tiefe  Erkennt^ 
nis  seiner  Sendung  wird  bei  den 
geistigen  Trägern  der  Bewegung 
nicht  wieder  erlöschen.  Über  alles 
aber  rauschte  damals  der  blutige 
Vorhang  herab,  der  eine  uner- 
träglich gewordene  Weltepoche 
abschloß. 

In  groteskem  Gegensatz  zu 
der  Stellung,  die  Velde  im  geisti- 
gen Deutschland  einnahm,  hatten 
sich  die  Verhältnisse  in  Weimar 
entwickelt.  Der  Großherzog  schien 
es  für  ein  fürstliches  Vorrecht  zu 
halten,  den  Künstler,  den  er  selbst 
berufen,  mit  seiner  Ungnade  zu 
behelligen.  Den  ersten  Grund  da= 
zu  gab  ihm  der  Umstand,  daß 
Velde  bei  Keßlers  Verabschiedung 
nicht  die  von  der  Hofetikette  vor^ 
gesehene  Haltung  einnahm.  Der 
Laune  eines  Fürsten  aber  pflegt 
recht  zu  geben,  was  an  ihm  hängt. 
So  wurde  der  Künstler  allmählich 
einsam  in  Weimar.  Der  Zustand 


verschärfte  sich,  als  Olde  1910  nach  Kassel  ging.    Hatte  er  schon  wenig  Sympathie  für  die  Be= 
strebungen  seines  Kollegen  bewiesen,  so  bildete  sich  unter  seinem  Nachfolger  Mackensen  ein  un= 


132 


erträglicher  Zustand  der  Feind- 
seligkeit heraus.  Der  Kampf  war 
um  so  ungleicher,  als  Mackensen 
die  Abneigung  des  Großherzogs 
zum  Verbündeten  hatte.  Rine 
letzte  Hoffnung  setzte  Velde  auf 
einen  Besuch,  den  dieser  im  Früh= 
Jahr  1914  in  der  Schule  ansagen 
ließ.  Er  zeigte  ihm  die  Projekte 
des  Nietzsche  -  Denkmals,  des 
Theaters  für  Köln  und  des  Mu= 
seums  für  Erfurt.  Welchen  Stolz 
hätte  Karl  August  empfunden, 
Protektor  solcher  Geburten  zu 
sein !  Sein  Nachfahre  blieb  stumpf. 
Das  gab  für  Velde  den  Aus« 
schlag.  Der  jährlich  wiederkehren^ 
den,  monatelangen  Kämpfe  um 
das  Budget  seiner  Schule  müde, 
reichte  er  seine  Entlassung  ein. 
Das  war  Mitte  Juli.  Die  AnU 
wort  erfolgte  im  September.  Da= 
zwischen  lag  der  Ausbruch  des 
Krieges.  Man  entließ  den  Belgier 
ohne  ein  Wort  der  Anerkennung 
und  ohne  Pension.  So  endete  ein 
Verhältnis,  von  dem  man  sich 
einmal  eine  zweite  Blüte  Weimars 

versprochen  hatte. 

%  * 

Die  Zeit  wogte  und  das  Schiffe 
lein  des  Meisters  war  steuerlos  in 
sie  hinausgestoßen.  Nur  mit  Be= 
schämung  schreibt  es  eine  deutsche 
Feder,  daß  die  Kriegspsychose 
ihm  die  Tortur  ihrer  Inquisition 
nen  nicht  ersparte.  Der  Boden 
Deutschlands  wurde  ihm  heiß 
unter  den  Füßen.  Aber  man  ver= 
sagte  ihm  in  Weimar  den  erbetenen  Paß 
suchte  er  das  Sanatorium  Kohnstamm  in 


4 


■ZXiil^ 


imß 


.  lt.  i 


DC.5 

OIAHOS   flLYDE 


DL^.ri     OU    TSAUCOri. 


Theatre  des  Champs  Elyses 
Grundriß  in  Balkonhöhe 

in  die  Schweiz.    Schwer  erschüttert  in  seiner  Gesundheit, 
Königstein  auf.    Seine  Familie  fand  bei  Frau  von  Boden- 


133 


hausen  freundschaftliche  Aufnahme.  Rrst  drei  Jahre  später,  nachdem  ihm  irrsinnige  Denunziationen 
und  dreiste  Haussuchungen  jede  Stunde  vergällt  hatten,  gelang  es  ihm,  den  ersehnten  Paß  in  die 
Schweiz  zu  erhallen,  Dort  widmete  er  viele  Tage  seines  einst  so  rastlosen  Lebens  der  Pflege  der 
Freundschaft.  Kirchner  und  Fritz  von  Unruh  sahen  ihn  an  ihrem  Krankenbett,  dem  Verfasser  schenkte 
er  köstliche  Tage  geistigen  Austausches  in  Lugano  und  Arosa.  Sein  Wesen  erfuhr  eine  tiefe  Wand- 
lung. Langsam  glätteten  sich  die  Züge  eifernder  Leidenschaft,  eine  tiefe  olympische  Ruhe  nahm  von 


...         V  'HlJ  mi 


f 


: 


i  ■ 


»f*.:i    .«  22     Mai  1<>i 


Theatre  des  Champs  Elyses,  Paris 
Fassadenentwurf 

ihm  Besitz,  und  die  Milde,  die  von  ihm  ausging,  war  so  fühlbar,  daß  er  im  schwarzen  Kimono,  wie 
er  ihn  zuzeiten  im  Hause  trug,  einem  buddhistischen  Priester  nicht  unähnlich  sah. 

Bald  hatte  er  die  Freude,  daß  ihm  seine  Tochter  Nele,  die  ihm  besonders  nahestand,  in  die 
Schweiz  folgen  durfte.  Er  verbrachte  mit  ihr  den  Sommer  1918  in  Montreux.  Dort  reiften  zwei 
Werke  heran,  die  ihn  schon  lange  beschäftigt  hatten.  Das  eine,  das  gewissermaßen  die  Quintessenz 
seiner  früheren  Schriften  zusammenfaßte,  nannte  er:  Die  Formeln  der  architektonischen  Schönheit. 
Kr  stellte  sein  Verhältnis  zu  Ruskin  und  Morris  fest  und  wandte  sich  mit  dem  Pathos  der  Verteidigung 
gegen  Mißverständnisse,  die  einer  wahren  Erkenntnis  seines  Schaffens  noch  immer  im  Wege  stehen. 


134 


Das  andere  wird  der  Welt  einen  ganz  neuen  Gedankenkreis  vorlegen:  an  seine  eigenen  Schöpfungen 
anknüpfend,  soll  es  der  dynamographischen  Natur  des  Ornamentes  gewidmet  sein. 

Auf  die  Dauer  aber  konnte  ihm  die  literarische  Arbeit,  die  immer  nur  der  Erläuterung  und  Ver= 
teidigung  seines  künstlerischen  Schaffens  gedient  hatte,  nidit  genügen.  Er  suchte  nach  einer  Mög= 
lichkeit,  wieder  Werkstätten  einzurichten.  Obwohl  die  Schweiz,  mit  künstlerischer  Kost  zur  Kriegszeit 
übersättigt,  einem  solchen  Unternehmen  wenig  günstig  schien,  entschloß  er  sich  doch  zu  einem  Ver= 
such.  Aber  es  kam  nur  zur  Erwerbung  eines  geeigneten  Hauses.  Die  immer  steigende  Teuerung 
und  der  Umstand,  daß  sein  Bankguthaben  in  Weimar  beschlagnahmt  wurde,  setzten  weiteren  Schritten 
ein  gebieterisches  Halt  entgegen. 


j^^C 


../ 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 
I     I     T     T 

'.    .:        .  -:■—,> 

J 


■     '  .*.  -'V 


Das  Nietzsdie^Denkmal  für  Weimar 

Aber  das  Haus  in  Uttwil  am  Bodensee,  nahe  der  deutschen  Grenze  herrlich  gelegen,  sollte  bald 
der  Schauplatz  eines  neuen  Familienfriedens  für  ihn  werden.  Es  ist  ein  alter  Speicherbau  aus  dem 
Beginn  des  19.  Jahrhunderts,  schon  früh  zum  Wohnhaus  umgestaltet,  am  Landungssteg  der  einstigen 
Hafenstadt  parkumgrünt  gelegen.  Ein  Mäuerchen  zieht  sich  unter  uralten  Bäumen  am  See  dahin, 
schließt  Rosenterrasse  und  schattige  Laubenplätze  ab  und  läßt  den  Blick  nach  Mcrsburg  und  Friedrichs^ 
hafen  hinüberschweifen.  Oft  setzen  die  Motore  der  Zeppelinwerft  die  Luft  in  brausende  Schwingung, 
und  wenn  die  Mittagssonne  auf  den  obstreichen  Hängen  brütet,  tauchen  plötzlich,  gleich  griechischen 
Trieren,  gewaltige  Kähne  voll  nackter  gebräunter  Jünglinge  zwischen  den  LIferweiden  auf. 

Dorthin  konnte  der  Künstler  die  Seinen  versammeln,  Rene  Schickele,  der  Elsässer,  ist  Nachbar. 
Im  verwilderten  Parke  regt  sich  neues  Leben.  Die  Hand  der  Hausfrau  zähmt  wuchernde  Rosen, 
während  fröhliches  Lachen  der  Kinder  vom  Landungssteg  herüberschallt.  Rene  kommandiert  dort 
einen  Floßbau,  und  Rainer,  sein  Knabe,  übt  mit  Veldes  Thylla  den  neuesten  Sprung  in  den  See.  Aus 
irgendeinem  Fenster  klingt  eine  Mozartsonate.     Der  Meister  aber,  angetan  mit  schwarzseidenem 


135 


Das  Nietzsche=Denkmal  für  Weimar 


Das  Nietzsdie^Denkmal  für  Weimar 


136 


-_■. «  - 


Das  Nietzsdie^Denkmal  für  Weimar 
Teile  des  Stadions 


18 


137 


M 


~f 


m 


f 


++ 


i       i 


138 


Das  Nietzsdie-Denkmal  für  Weimar 
Portal  am  Stadion  —  Grundriß  für  die  Bäder  und  Ruheplätze 


Das  NietzschoDcnkmal  für  Weimar 
Der  Tempel  -  Grundriß  des  Tempels  —  Grundriß  des  Tempels  in  Emporenhöhe 


139 


1 


w 


Museumsentwurf  für  Erfurt 


IT™ 


i  i  ) 


Museumsentwurf  für  Erfurt 


140 


Kimono,  erhebt  sich  von  der  Arbeit  unter  den  Bäumen,  schreitet  sinnend  an  den  Rosen  vorüber  zu 
den  Kindern  und  schaut  lächelnd  in  ihnen  die  Zukunft,  die  von  den  Greueln  dieser  Tage  nichts  weiß. 

Die  Niederschrift  dieses  Werkes  erfolgte  im  Juni  1918.  Inzwischen  hat  sich  eine  Wendung  im 
Leben  des  Künstlers  vollzogen,  die  die  schönsten  Hoffnungen  für  seine  Zukunft  erweckt.  Im  verarmten 
Deutsdiland  waren  für  den  Augenblick  keine  Bauaufgaben  zu  erwarten,  an  denen  die  Entwicklung 
des  neuen  Stiles  hätte  reifen  können.  Sie  mußte  an  die  germanisdien  Nachbarländer  abgetreten  werden. 
Nun  fügte  es  sich,  daß  vor  mehr  denn  zehn  Jahren  der  holländische  Reeder  Kröller  und  seine  Gattin, 


Museumsentwurf  für  Erfurt 


eine  geborene  Deutsche,  einen  Tag  auf  dem  Hohenhof  zugebradit  hatten.  Seitdem  trug  Frau 
Kröller  eint  starke  Erinnerung  an  van  de  Velde  mit  sich.  Als  der  Krieg  erhebliche  Reichtümer  in  ihre 
Hand  legte  und  damit  das  Gefühl  der  Verantwortung  für  kulturelle  Werte  bei  ihr  erwachte,  faßte 
sie  Projekte  von  erstaunlicher  Größe  und  tiefer  kunstpolitischer  Weisheit.  Bekannt  ist  die  Energie, 
mit  der  sie  den  Gedanken  verfolgt,  Holland  das  Werk  seines  größten  Künstlers,  Vinzenz  vanGoghs, 
zu  erobern.  Für  diese  Sammlung  braucht  sie  ein  Haus.  Es  soll  inmitten  eines  riesigen  Naturparks 
errichtet  werden,  den  Herr  Kröller  bei  Arnheim,  nahe  der  deutsdien  Grenze,  erworben  hat,  um  ihn 
der  Nachwelt  zu  erhalten.  Zu  diesem  Projekt  treten  andere,  die  die  Berufungeines  bedeutenden  Künstlers 
nahelegten.  Frau  Kröller  war  es  nicht  lange  zweifelhaft,  daß  dies  nur  Velde  sein  konnte.  So  ist  der 
Künstler  seit  etwa  Jahresfrist  mit  Projekten  beschäftigt,  die  vielleicht  die  größten  sind,  denen  er  sich 

141 


Silbernes  Tafelgerät 


Silbernes  Teegeschirr  und  Meißener  Tassen 


142 


Silbernes  Teegeschirr 


Silbernes  Teegeschirr 


143 


Silberne  Schale 


Silbernes  Teegeschirr 


144 


Teegeschirr  der  Porzellan-Manufaktur  Meißen 


Silberne  Blumenschale 


145 


Petschaft  und  Papiermesser  aus  Elfenbein 


4 


J 


\ 


sa^äs — 


Wappen  des  Grafen  Douglas 


146 


Wappen  des  Grafen  Dürckhcim 
im  Hause  Durd<heim  :u  Weimar 


19« 


147 


bisher  widmen  durfte,  und  zugleich  die  verlockendsten,  die  eine  Zeit  wie  die  unsere  anzubieten  hat. 
Möchte  ein  günstiger  Stern  über  dem  Fortgang  dieser  Arbeiten  walten.  Dann  wird  vielleicht  das 
Deutschland  vo  i930  dem  Deutschland  von  1914  über  die  glückliche  Insel  der  Niederlande  die 
Hand  reichen  und  die  Tradition  einer  großen  Epoche  der  Zukunft  nicht  verloren  sein. 


Gepreßter  Lederband  mit  Handvergoldung 


148 


Gepreßter  Lederband  mit  Handvergoldung 


149 


150 


Gepreßter  Lederkasten  mit  Goldpressung 
Künstler-Ehrengabe  für  das  Museum  Foikwang  1912 


Gepreßter  Lederband  mit  Handvergoldung 


151 


Ehrenbürgerbrief  der  Stadt  Hagen 
für  Bürgermeister  Willde 


152 


SMITHSONIAN  INSTITUTION  LIBRARIES 


3   9088   00823   7430